Naher Osten : Wie Israel auf die arabische Welt zugeht

Kampf dem Terror, Kampf dem Iran: Israel und einige arabisch-muslimische Staaten machen immer öfter gemeinsame Sache - die Palästinenser haben das Nachsehen.

Vor wenigen Tagen besuchte Tschads Herrscher Idriss Deby (l.) Israels Premier Benjamin Netanjahu. Beide Länder wollen nach mehr als 50 Jahren wieder diplomatische Beziehungen aufnehmen.
Vor wenigen Tagen besuchte Tschads Herrscher Idriss Deby (l.) Israels Premier Benjamin Netanjahu. Beide Länder wollen nach mehr...Foto: Ronen Zvulun/AFP

Israel, der jüdische Staat – lange Zeit war er für muslimische und arabische Länder der Erzfeind schlechthin. Der Grund allen Übels in Nahost und der restlichen Welt. Und den galt es als „zionistisches Gebilde“ mit aller Macht zu bekämpfen.

Und jetzt plötzlich das: Premier Benjamin Netanjahu besucht den Sultan von Oman. In Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, ertönt bei einem Judo-Wettkampf Israels Nationalhymne. Am Sonntag war dann der Herrscher des zentralafrikanischen Tschad zu Gast in Jerusalem. Schon bald wollen beide Länder wieder diplomatische Beziehungen aufnehmen – nach gut 50 Jahren.

Auch das Verhältnis zu Bahrain und dem Sudan soll normalisiert werden. So könnten aus Todfeinden Partner werden. Es wäre eine Zeitenwende. Doch warum sind arabische und muslimische Länder nun bereit, in bestimmten Bereichen mit Israel gemeinsame Sache zu machen?

Die Zauberformel: Gemeinsame Interessen

Ganz neu sind die Kontakte nicht. Es galt lange Zeit als offenes Geheimnis, dass Israel wirtschaftlich mit der arabischen Welt kooperiert. Nur wollte dies auf arabischer Seite niemand öffentlich kundtun. Zum einen war es ideologisch nicht opportun, mit dem Propaganda-Feind Nummer eins zu kooperieren. Zum anderen waren da ja noch die Palästinenser. Jene arabischen Brüder und Schwestern, die es in ihrem Kampf für einen eigenen Staat zu unterstützen galt.

Aber diese Zeiten gehören offenkundig der Vergangenheit an. Die Zauberformel lautet heute: gemeinsame Interessen. Die Palästinenser bekommen dies zu spüren. Ihre Forderungen werden als lästiger Ballast empfunden. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman rügte sogar im April ausgerechnet bei einem Treffen mit jüdischen Vertretern in New York für alle hörbar die palästinensische Führung.

Sie hätte in den vergangenen Jahrzehnten viele Chancen ungenutzt verstreichen lassen und sollte endlich das nehmen, was ihnen angeboten wird – oder die Klappe halten. Ungewohnt wohlwollende Worte gibt es wiederum für den jüdischen Staat. „Vielleicht ist es an der Zeit, dass Israel behandelt wird wie alle anderen Staaten“, sagte vor Kurzem beispielsweise der omanische Außenminister Yusuf bin Alawi bin Abdullah.

Der jüdische Staat - ein militärischer und wirtschaftlicher Gigant

Kobi Michael vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv, erklärt das neue Einvernehmen so: „Die palästinensische Sache ist für die arabischen Staaten zu einer strategischen Hürde geworden. Sie sind enttäuscht von der Palästinenserführung. Und: Sie haben heute eigene, wichtigere Probleme.“

Probleme, bei denen Israel – ein militärischer und ökonomischer Gigant in der Region – helfen kann und dies auch gerne tut. Denn von Stabilität in der Nachbarschaft und von Verbündeten im Kampf gegen den islamistischen Terror kann Israel nur profitieren.

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman sieht im Iran seinen Erzfeind. Das verbindet ihn mit Israels Premier Benjamin Netanjahu.
Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman sieht im Iran seinen Erzfeind. Das verbindet ihn mit Israels Premier Benjamin...Foto: Reuters

Von Interesse ist nicht nur Israels technologisches Know-how in Sachen Wasseraufbereitung und Landwirtschaft. Die arabischen Staaten haben es neben Hitze und Trockenheit vor allem mit radikalen Islamisten zu tun. Sie kaufen daher gerne Hightech-Produkte und Expertise im Sicherheitsbereich in Israel ein.

„Der Tschad zum Beispiel ist ein Mitglied der Arabischen Liga und Teil einer Allianz, die gegen militante Dschihadisten kämpft – Al Qaida, IS, Boko Haram. Sie machen einen guten Job, brauchen allerdings Hilfe", sagt Experte Kobi Michael.

So war beim Besuch von Tschads Machthaber Idriss Deby zu hören, der jüdische Staat habe in diesem Jahr bereits Waffen an die Armee des mit harter Hand regierten afrikanischen Landes geliefert. Dass in den neuen Partnerstaaten Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Demokratie keine Rolle spielen, kümmert Israels nationalreligiöse Regierung wenig. Ihr sind strategische Ziele wichtiger. Direkte Handelswege in den Golf zum Beispiel. „Schienen des Friedens“ nennt Verkehrsminister Israel Katz sein Projekt. Züge sollen später einmal das Mittelmeer mit den Golfstaaten verbinden.

Das Beispiel Sudan

Es ist aber weniger eine womöglich harmonische Zukunft als vielmehr die unruhige Gegenwart, die aus einstigen Kontrahenten Verbündete macht. Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Iran. Israel und viele arabische Staaten eint die Furcht, Teherans Truppen und Handlanger wie die Hisbollah könnten weiter Einfluss in der Region gewinnen.

Syrien, Irak, Jemen, Libanon – an vielen Orten in der Region ist der Iran längst eine Großmacht. Gemeinsam soll der Islamischen Republik denn auch mit allen Mitteln Einhalt geboten werden.

Diese Überzeugung führt zu neuer Einigkeit. Zum Beispiel mit dem Sudan. Lange Zeit nutzte der Iran das afrikanische Land als Transitbasis, um die Hisbollah und die Hamas in Gaza mit Waffen zu beliefern. Für Israel war der Sudan damit eine Bedrohung. Immer wieder griffen Kampfjets des jüdischen Staats Transporte mit Militärgütern an. Schließlich gehört es zu Israels Sicherheitsdoktrin, Terror und militärische Angriffe möglichst schon im Keim zu ersticken.

Aber Anfang 2017 brach Sudans Herrscher Omar al Bashir – vom Internationalen Strafgerichtshof als Kriegsverbrecher und wegen Völkermords angeklagt – endgültig mit den Mullahs in Teheran und schlug sich auf die Seite sunnitischer Staaten wie Saudi-Arabien und Bahrain. Das wiederum machte den Sudan in Netanjahus Augen zu einem potenziellen Verbündeten. Gemäß dem Motto: Der Feind meines Feindes ist fast schon mein Freund.

Irans Führung mit Präsident Hassan Ruhani (l.) und Revolutionsführer Ali Chamenei versucht, den Einfluss ihres Landes in der Region auszuweiten.
Irans Führung mit Präsident Hassan Ruhani (l.) und Revolutionsführer Ali Chamenei versucht, den Einfluss ihres Landes in der...Foto: AFP

Genau das verbindet Israel mit dem reichen und stolzen Saudi-Arabien. Kronprinz Mohammed bin Salman sieht im Iran den Erzfeind der Golfmonarchie und somit eine existenzielle Gefahr für sein Land. Der 33-Jährige ist fest davon überzeugt, dass die schiitische Theokratie alles daran setzt, im ganzen Nahen und Mittleren Osten den saudischen Einfluss systematisch zurückzudrängen.

Das will der künftige König um jeden Preis verhindern. Da kommt ihm Benjamin Netanjahu und dessen Dauer-Kampf gegen den Iran gerade recht.

Netanjahu und der saudische Prinz

Um diesem Bündnis ein Fundament zu geben, ist bin Salman zu echten politischen Kehrtwenden bereit. So sprach er Anfang April den Israelis erstmals das Recht auf ein friedliches Leben in ihrem eigenen Land zu. Nie zuvor waren derart versöhnliche Töne von einem ranghohen Vertreter Saudi-Arabiens zu hören gewesen.

Und Netanjahu? Hält zum Kronprinzen, trotz allem. Als der Verdacht aufkam, der Regimekritiker Jamal Khashoggi könnte in bin Salmans Auftrag getötet worden sein, sprang Israels Premier dem Prinzen bei. Keine Frage, der Mord sei verabscheuungswürdig, sagte Netanjahu. Doch niemand sollte außer Acht lassen, dass Saudi-Arabien nun mal ein wichtiges Land sei, wenn es um die Stabilität in der Region und der Welt gehe. Die Herrscher in Riad dürften es gerne gehört haben.

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