Paralympics : Gipfel der Inklusion

Das Paralympische Komitee muss neue Strategien entwickeln, damit nicht nur wenige Industrienationen Chancen auf vordere Plätze haben. Ein Kommentar.

Training für den großen Auftritt. Die Paralympics beginnen in Pyoengchang.
Training für den großen Auftritt. Die Paralympics beginnen in Pyoengchang.Foto: Jan Woitas, dpa

Keine Weg ist zu weit, kein Berg zu hoch. Und den magischen Mount Everest kann man auch ohne Füße erklimmen.

Marc Inglis ist Neuseeländer, seit einem Bergsteigerunfall an beiden Beinen amputiert, und er hat auf dem höchsten Berg der Welt nach seiner paralympischen Karriere Geschichte gemacht: Schritt für Schritt ging er auf Prothesenbeinen bis zum Gipfel. Alles ist möglich, wenn Du nur dafür trainierst: Die Maxime leben vom heutigen Freitag an bis zum 18. März 670 Athletinnen und Athleten mit Körperbehinderung aus 45 Nationen der Welt vor: Bei den Paralympics in Südkorea, den 12.Winterspielen nach der Premiere 1976 in Schweden.

Die Behindertenweltspiele beginnen einst aus einem Anlass, der leider heute noch Grund für die Teilnahme vieler Medaillengewinner aus den USA, Afghanistan, der Ukraine oder dem Irak ist: Es waren Wettkämpfe von Kriegsversehrten. Vor genau 70 Jahren motiviert der deutsche Neurologe Ludwig Guttmann Veteranen der Klinik im britischen Stoke Mandeville, zur Reha – und zum Start von Olympia 1948 in London – zu einem Wettrennen im Rollstuhl. Bei den ersten Sommer-Paralympics 1960 in Rom mit 400 Athleten aus 23 Ländern sieht noch kaum einer zu. Heute sind es Milliarden.

Keine Übermenschen

Im neuen Millennium stapft Paralympics-Fan Prinz Harry von Wales mit versehrten Soldaten zum Nordpol. 2012 erklärt seine Großmutter, Königin Elisabeth, die XIV. Sommer-Paralympics in London für eröffnet. Im täglich ausverkauften Olympiastadion erzeugen 80.000 Euphorisierte die Phonstärke eines Verkehrsflugzeuges. Bislang unerreicht werden Actionsportarten und faszinierende Protagonisten beworben: „Meet the Superhumans“, trefft die Übermenschen.

Sie sind es nicht. Auch Paralympioniken können tief fallen. Der Megastar der Szene, der südafrikanische Prothesensprinter Oscar Pistorius, läuft nach dem Mord an seiner Freundin wieder in der Kategorie „Aktion Sorgenkind“. Dabei hatte er bewiesen, dass Paralympioniken Leistungssportler sind wie alle anderen, nur eben mit einem Bein, Arm oder intaktem Sehnerv weniger. Leider strafen Athleten Sportikonen wie Willy Bogner Lügen – der Paralympia als das wahre Olympia lobte. Denn längst ist Doping ein Thema, durch verbotene Medikamente, durch das sogenannte Körper-Boosting, Selbstverletzungen für mehr Adrenalin.

Die meisten Para-Sportler aber ziehen als integre Persönlichkeit in den Bann; als Manager-Coach, Werbetestimonial – und Type. Deswegen sind wir als Tagesspiegel schon seit Athen 2004 mit unserem Projekt Paralympics Zeitung dabei.

Die Aufmerksamkeit nutzen

In Pyoengchang werden die Ränge jetzt wohl wieder voller sein und die Stimmung besser als bei Olympia. Nicht nur, weil die Tickets billiger sind. Möge Südkorea das mehr an Aufmerksamkeit nutzen für mehr Gleichberechtigung für Menschen mit Behinderung. Und der neue Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, Andrew Parsons, muss neue Strategien entwickeln, damit nicht nur wenige Industrienationen mit Medizintechnik-Equipment wie computergesteuerten Kniegelenken die ersten Medaillenränge unter sich ausmachen.

Die letzten Schritte auf dem Wege zum Gipfel der Inklusion sind geschafft, wenn bei der Olympia-Schlussfeier nicht mehr auf Olympia in vier Jahren – sondern auf Paralympia in wenigen Wochen Lust gemacht wird. Mögen die Spiele begeistern!

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