US-Demokraten verschieben Kandidatenkür : Joe Biden, Corona und ein Twitter-Problem

Die Coronakrise drängt den US-Vorwahlkampf vollends in die Sozialen Medien. Da aber hat der Demokrat Joe Biden kaum Kompetenzen. Eine Kolumne.

Max Tholl
So hautnah kann Wahlkampf nicht mehr sein: Joe Biden im Februar bei einer Unterstützerveranstaltugn in South Carolina.
So hautnah kann Wahlkampf nicht mehr sein: Joe Biden im Februar bei einer Unterstützerveranstaltugn in South Carolina.Foto: imago images/ZUMA Press

Ein Wahlkampf mit Donald Trump verspricht eigentlich immer einen gewissen Ausnahmezustand, doch momentan stellt das Coronavirus selbst den US-Präsidenten in den Schatten. Auch in den Vereinigten Staaten ist das öffentliche Leben zum Stillstand gekommen und verlagert den Wahlkampf von den Hallen und Straßen des Landes auf die Bildschirme. Statt Händeschütteln und Selfies, müssen die Kandidaten nun auf Tweets und Livestreams setzen. Gerade Joe Biden, der noch vor knapp einem Monat ein außergewöhnliches Comeback im Rennen um die Kandidatur der Demokraten hinlegte, könnte nun ausgebremst werden.

Ganz aktuell wurde er das bereits von der eigenen Partei. Sie hat den Wahlparteitag wegen der Corona-Krise um einen Monat in den August hinein verschoben. An Bidens grundsätzlichem Problem ändert das allerdings nichts. Der digitale Wahlkampf ist Bidens Achillesferse und Trumps bevorzugtes Schlachtfeld

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Still ist es um den ehemaligen Vizepräsidenten geworden, so sehr, dass er Anfang der Woche in einem Interview mit dem Fernsehsender MSNBC auf die Frage antworten musste, wo denn Joe Biden überhaupt sei? Müsste er nicht gerade jetzt in der Krisensituation sein öffentliches Profil schärfen und Trump stärker in die Kritik nehmen? Bidens Wahlkampfleiter relativierte im Anschluss die Kritik und antwortete, es brauche seine Zeit, den Wahlkampf umzustellen und an die neuen Begebenheiten anzupassen, doch Biden sei alles andere als abgetaucht. Doch unterstreicht Bidens unterstellte digitale Zurückhaltung wie stark er Trump in der medialen Wahrnehmung unterliegen ist. Gerade in diesem Wahlkampf könnte das am Ende entscheidend sein. 

Überholtes Politik- und Wahlkampfverständnis

Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht das ungleiche Kräfteverhältnis: Trump zählt bei Twitter und Facebook über sechzehnmal so viele Follower als Biden. Auch Bidens Konkurrent im demokratischen Lager, Bernie Sanders, hat eine dreifach größere digitale Anhängerschaft. Nun ist Biden beileibe kein politischer Newcomer, der sich erst ins politische Rampenlicht kämpfen muss, vielmehr sind die Zahlen Ausdruck von Bidens überholtem Politik- und Wahlkampfverständnis. 

Trump hingegen legt das Augenmerk klar auf die sozialen Medien und hat sich mit Brad Parscale den Mann als Wahlkampfleiter an die Spitze gestellt, der schon 2016 als Berater für digitale Medien Trump zum Erfolg verhalf. Nicht nur hat der “Tweeter-in-Chief” sich in den sozialen Medien eine Echokammer für den eigenen Narzissmus gebaut, sie ist sogar seine stärkste politische Waffe. Ein, wie es die “New York Times” bezeichnet, “robustes Ökosystem verstärkender Accounts”, das die Reichweite des präsidialen Dauerbeschusses einzigartig macht. Unterstützt und ermöglicht vom laissez-faire Mindset der digitalen Plattformen.

Trump kennt keine Skrupel

Trump kennt im Wahlkampf keine Skrupel und setzt auch weiterhin auf die systematische Desinformation als Mittel der politischen Kommunikation. Anfang März retweetete der Präsident ein Video, das so zusammengeschnitten wurde, dass der Eindruck entsteht, als würde sich Biden für die Wiederwahl Trumps aussprechen. Nach zahlreichen Beschwerden, entschied Twitter sich dazu, erstmals ein Video als “manipuliert” zu kennzeichnen. Bis dahin wurde es allerdings bereits über fünf Millionen mal angeklickt und geteilt. Facebook ließ sich derweil Zeit und kennzeichnete das Video lediglich als “teilweise falsch” und beschränkte seine Reichweite. Ein Umstand, den Bidens damaliger Wahlkampfleiter als “nationale Krise” anprangerte. 

Biden und die Demokraten müssen sich damit abfinden, dass das Verhältnis zum Techgiganten zerrüttet ist. Die Lovestory, die 2008 mit Obamas Wahlsieg anfing, fand spätestens 2016 mit dessen Ablösung durch Trump ihr Ende. Führende Demokraten wie Sanders oder Elizabeth Warren forderten eine Zerschlagung von Big Tech und Biden macht kein Hehl aus seiner Aversion gegenüber Facebook.

Ein Riss zwischen Demokraten und Big Tech

Man kann sich fragen, ob ein Demokrat im Weißen Haus im Interesse der Plattformen wäre, und wie bereit diese sind, die gezielten Desinformation von Trump zu unterbinden? Mit moralischen Appellen der Fairness wird man bei ihm nichts erreichen oder ihn bezwingen, so naiv darf Biden nicht sein.

Er kann die Macht der sozialen Medien in der gegenwärtigen Situation nicht unterschätzen. Seine derzeitigen Umfragewerte zeigen, dass er zwar fast mit Trump gleichauf liegt, jedoch längst nicht die gleiche Begeisterung im eigenen Lager auslöst. Hier kann er viel von Sanders lernen, dem es gelungen ist, nicht zuletzt mit Hilfe der sozialen Medien, eine loyale Anhängerschaft zu versammeln und ihnen das Gefühl zu geben, Teil einer Bewegung und Gemeinschaft zu sein: eine digitale Koalition gegen Trump. Sie davon zu überzeugen, ihn im Falle der Nominierung zu unterstützen, sollte für Biden höchste Priorität haben. Mit sporadischen Newslettern wird es ihm nicht gelingen. 

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