Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Russland liefert Raketen an die Türkei, Boris Johnson will an die Spitze und die SPD sieht der Selbstauflösung entgegen. A ntworten auf die Fragen des Tages.

Teile des Raketenabwehrsystems S-400 aus Russland werden auf Luftwaffenstützpunkt Mürted aus einer russischen Antonow entladen.
Teile des Raketenabwehrsystems S-400 aus Russland werden auf Luftwaffenstützpunkt Mürted aus einer russischen Antonow entladen.Foto: Turkish Defense Ministry/XinHua/dpa

Russland beginnt mit der Lieferung des S-400-Raketenabwehrsystems an die Türkei. Ist das wirklich ein gutes Geschäft für den Nato-Partner?

Megalomano-Potentaten wie Erdogan geht es nicht ums Geschäft; sonst hätte er sein Land nicht so heruntergewirtschaftet – mit doppelstelliger Inflation und der höchsten Arbeitslosigkeit seit zehn Jahren. Sein Ding ist die Selbstüberschätzung und -überhebung; er wähnt, selber mächtig zu sein, wenn er die wahrhaft Mächtigen provoziert und gegeneinander ausspielt. Er wird den derzeit besten Jet – die U.S. F-35 – nicht kriegen, weil die Russen, die mit dem S-400-System ins Land kommen, die Schwächen des Flugzeugs ausspionieren können. Kauft er dann auch noch russische Jets, wird Ankara nur noch auf dem Papier in der Nato bleiben. Westliche Sanktionen werden die Wirtschaft weiter ruinieren. Die Zeche zahlt das Volk.

Nichts scheint Boris Johnson mehr im Weg zu stehen. Freut sich Donald Trump schon auf den Bruder im Geiste in Großbritannien?

Beide sind solche Brüder, weil sie glauben, ihrem Land zu dienen, indem sie systematisch die Verbindungen zum Rest der Welt kappen. Die größte Macht auf Erden kann sich Alleingänge noch leisten; GB wird nicht „take back control“, sondern Kontrollverlust erleiden und verarmen. Dass Trump den Briten eine Freihandelszone schenkt, ist ein Hirngespinst, wenn er seinen wichtigsten Handelspartnern – China, EU, Kanada, Mexico – immer wieder die Faust zeigt. Die „special relationship“ ist ein Mythos wie das konfliktreiche Verhältnis UK-USA seit 200 Jahren zeigt.

[Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.]

Die deutsche SPD will partout nicht für eine Deutsche an der Spitze der Kommission stimmen. Hat WmdW dafür Verständnis?

Wenn man wie die SPD der Selbstauflösung entgegensieht, ist jede Torheit erlaubt. Der Koalitionär will die Kandidatin des Regierungspartners Union verhindern? Eine Deutsche, die für das wichtigste EU-Amt antritt? Und wenn VdL mithilfe der Euro-Konservativen und Liberalen doch durchkommt? Dann käme zur Torheit noch die Scham der Niederlage hinzu. WmdW ist kein Fan dieser SPD, erinnert sich aber an die große Tradition und Staatsklugheit der ältesten deutschen Partei.

Ein letztes Wort zur Homöopathie...

Frankreich schafft die Kassenzuschüsse ab, jetzt auch die Schweiz. Beide haben aufgrund unzähliger Studien entschieden, dass die H. nichts bringt, kann sie logischerweise auch nicht, wenn die sog. Wirkstoffe so weit verdünnt werden wie ein Zuckerwürfel im Atlantik. Die Medizin kennt sehr wohl den Placebo-Effekt. Der Patient kriegt ein Scheinpräparat, dazu intensive Konsultation und Zuwendung. Schon geht es ihm besser. In D wird die H. fortbestehen, gibt es hier doch 7000 Praxen, die sich die Globuli nicht vom Brot nehmen lassen.

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