Vorwahlen der US-Demokraten : Matchball für Joe Biden

Joe Biden hat das Momentum. Der Vorwahlkalender begünstigt ihn. US-Experten erwarten seinen Triumph über Sanders bereits in den nächsten Wochen. Eine Analyse.

So sehen Sieger aus: Joe Biden
So sehen Sieger aus: Joe BidenFoto: Reuters/Brendan McDermid

Auf einmal könnte es ganz schnell gehen. Erfahrene Wahlexperten in den USA wie Nate Silver und Dan Balz prognostizieren, dass Joe Biden bereits am Dienstag und in den Vorwahlen der nächsten Wochen den Wettbewerb um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten für sich entscheidet. Es sei nun wahrscheinlich, dass der moderate Biden bis Anfang April so viel mehr Delegierte gewinne als Bernie Sanders, sein Konkurrent vom linken Parteiflügel, dass Sanders keine realistische Chance auf die Nominierung mehr bleibe.

Die Angst vor einer lähmenden Spaltung der Partei ist plötzlich weg

Also plötzlich doch kein langwieriger Zweikampf mehr bei den US-Demokraten, wer im Herbst gegen Donald Trump antritt? Kein Szenario, das die Partei bis in den Parteitag im Juli hinein spaltet und lähmt und ihre Chancen auf den Sieg im November schmälert wie 2016 in der Auseinandersetzung zwischen Hillary Clinton und Sanders?

Diese Fachleute begründen ihre Erwartung vor allem mit dem Momentum, das Biden aus seinem unerwartet deutlichen Sieg am "Super Tuesday" ziehe sowie mit der Struktur der Vorwahlen, die jetzt anstehen. Am heutigen Dienstag in Idaho, Michigan, Mississippi, Missouri, North Dakota und Washington State. Und am Dienstag in einer Woche in Arizona, Florida, Illinois und Ohio. Zwei "Mini Super Tuesdays" in Folge, bei denen viele Delegiertenstimmen zu gewinnen sind. Die Erfahrungen von 2016, wie die Bürger dort abstimmen, begünstigen Biden.

Der Trend ist 2020 ein wankelmütiger Genosse

Das Momentum ist allerdings ein zweischneidiges Argument. Der Trend war bisher kein zuverlässiger Genosse für Biden, sondern ein höchst wankelmütiger. Zunächst hatte er im innerparteilichen Wettbewerb um die Kandidatur seit Sommer 2019 klar geführt, mit Zustimmungswerten um 30 Prozent. Sanders lag weit hinter ihm, mit Werten zwischen 12 und 23 Prozent. Zu Jahresbeginn 2020 folgte nach enttäuschenden Auftritten in den Fernsehdebatten ein dramatischer Absturz Bidens. Als er die ersten Vorwahlen in Iowa und New Hampshire nicht nur verlor, sondern nicht einmal den zweiten oder dritten Platz behaupten konnte, ging es noch steiler abwärts. Sanders kletterte parallel von 22 auf 29 Prozent und wurde zum neuen Favoriten.

Die afroamerikanischen Wähler, eine entscheidende Gruppe für die Demokraten, rettete Biden bei der vierten Vorwahl in South Carolina am 29. Februar. Seine Zustimmungskurve wies wieder nach oben. Drei Tage später beim "Super Tuesday" am 3. März gewann Biden in zehn der 14 Staaten, wo abgestimmt wurde. Seither ist aus einer steilen Aufwärtskurve eine fast senkrecht nach oben führende Kurve geworden. Nur noch zwei Bewerber sind ernsthaft im Rennen. Biden liegt jetzt mit 51,3 Prozent vor Sanders (35,3 Prozent). Bei den Buchmachern wetten 85,9 Prozent, dass Biden die Nominierung gewinnt. Nur 11 Prozent setzen auf Sanders.

Nur: Was lehrt das? Auch in früheren Wahljahren hat das Momentum schwächelnde Kandidaten wiederbelebt und zwischenzeitliche Favoriten scheitern lassen. Doch so krass wie 2020 waren die Ausschläge selten. Das lässt darauf schließen, dass die demokratische Wählerschaft unentschlossen ist. Sie hält weder Biden noch Sanders für einen idealen Kandidaten und orientiert sich umso mehr danach, wer gerade im Trend zu liegen scheint. Sie will das Szenario einer gespaltenen Partei vermeiden und schart sich deshalb hinter dem aktuellen Favoriten mit dem aktuellen Momentum zusammen. Das kann auch wieder anders kommen.

Geteilte Wählerschaft mit Vorteil für Biden

Für den Augenblick jedoch begünstigt das Momentum Biden in ganz besonderem Maße. Am Super Tuesday hat sich das folgende Muster über die Präferenzen der Wähler gezeigt: Die Älteren stimmten für Biden, die Jüngeren für Sanders – mit der Einschränkung, dass die Älteren verlässlich wählen gingen, die Jüngeren mehrheitlich zuhause blieben. Biden bekam wie schon in South Carolina die überwältigende Zustimmung der Afroamerikaner; sie schenkten ihm den Sieg in den Südstaaten Alabama, Arkansas, North Carolina, Tennessee, Texas und Virginia. Sanders behält die Nase bei den Hispanics vorn und damit auch in den westlichen Staaten Colorado, Kalifornien und Utah wie zuvor in Nevada. Bidens klarer Vorsprung in Minnesota und Oklahoma illustriert, dass er unter klassischen Arbeitern und Farmern bessere Chancen hat als Sanders.

Nun kann man einwenden: Das ist keine neue Situation für Sanders. Ganz ähnlich lag er 2016 nach dem Super Tuesday gegen Hillary Clinton zurück. Und doch konnte er die Nominierung bis kurz vor dem Parteitag offen halten. Rechnerisch konnte er sie bei den Delegiertenstimmen nach dem Super Tuesday noch einholen. Und er gewann in den verbleibenden Vorwahlen noch viele Stimmen, angefangen mit Michigan - wo auch heute abgestimmt wird.

Doch genau in diesem Punkt sieht Dan Balz von der "Washington Post" den entscheidenden Unterschied: Unter den entscheidenden Wählern in Arbeiterstaaten wie Michigan - Menschen ohne Hochschulabschluss, Bürger von Kleinstädten - genoss Sanders 2016 mehr Sympathien als Hillary Clinton. 2020 ist es umgekehrt: Diese Wähler empfinden eine größere emotionale Nähe zu Biden als zu Sanders. Zudem dürfte Biden in Südstaaten wie Mississippi erneut triumphieren.

Wechsel vom "Caucus" zur "Primary": Nachteil Sanders

Außerdem haben drei der sechs Staaten, in denen heute abgestimmt wird, ihr Vorwahlformat geändert, von einem "Caucus", einer von der Partei organisierten Versammlung, zu einer "Primary", einer staatlich organisierten Vorwahl in Wahllokalen. Sanders schnitt 2016 in "Caucus"-Staaten besser ab als in "Primary"-Staaten. Auch das spricht für Biden. Es gibt eine Reihe weiterer Unterschiede, die 2020 den Ausschlag geben können - aber nicht müssen. Die Hinweise, die Beobachter wie Dan Balz oder Nate Silver aus jahrzehntelanger Erfahrung geben, sind Spekulationen, freilich gut begründete Spekulationen. Aber es sind nicht unausweichliche Mechanismen. Die US-Bürger in diesen Staaten haben die Wahl.

Insgesamt stimmen 16 Staaten plus Puerto Rico von heute bis zum 7. April darüber ab, wer demokratischer Präsidentschaftskandidat werden soll. 2016 gewann Clinton neun dieser 17 Vorwahlen, Sanders acht. Clinton vergrößerte ihren Delegierten-Vorsprung um etwa hundert Delegierte. Das war wichtig, reichte aber nicht für eine frühe Entscheidung.

Sanders hofft auf die Fernsehdebatte am Sonntag

Derzeit hat Biden (670) fast hundert Delegierte mehr als Sanders (574). 1991 Delegierte sind nötig für die Nominierung. 1276 Delegierte werden in den 17 Vorwahlen bis zum 7. April vergeben mit Michigan (125), Florida (219), Illinois (155) und Ohio (136) als den großen Preisen. Selbst wenn Biden um Längen besser abschneiden sollte als Sanders, bringt das rechnerisch noch nicht einen uneinholbaren Vorsprung. Biden könnte sich aber so weit absetzen, dass Sanders nach dem 7. April keinen realistischen Weg mehr aufzeigen kann, wie er Biden noch überholen will.

In dieser Lage muss Sanders auf die Fernsehdebatte am kommenden Sonntag setzen und sie zu einem Risikofaktor für Biden machen, inklusive auf Charakter und Gesundheit zielender Angriffe. Biden hat sich schon einige Versprecher geleistet, die ihm den Spitznamen "Foot in Mouth" eingetragen haben, der "mit dem Fuß im Mund". Wahlkampfvideos der Republikaner, aber auch der Parteilinken der Demokraten porträtieren Biden als senilen, alten Mann mit Anzeichen von Demenz.

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