• Berliner Sportklubs in der Coronavirus-Krise: Die verzweifelte Sehnsucht nach Normalität

Berliner Sportklubs in der Coronavirus-Krise : Die verzweifelte Sehnsucht nach Normalität

Wie Berliner Bundesligisten mit der Situation umgehen, dass der Sportbetrieb bei ihnen seit fast zwei Monaten ruht. Ein Überblick.

Leonard Brandbeck
"Die Wasserfreunde brauchen Wasser", lautete jüngst die Forderung der Spandauer. Nun haben sie wieder Wasser.
"Die Wasserfreunde brauchen Wasser", lautete jüngst die Forderung der Spandauer. Nun haben sie wieder Wasser.Foto: imago images/Camera 4

Berlin hat viel mehr zu bieten als nur die sechs großen Profiklubs. Was bedeutet der wegen der Coronavirus-Krise überall seit fast zwei Monaten unterbrochene Sportbetrieb für andere Berliner Bundesligisten? Wie geht es diesen Vereinen und kann die Saison möglicherweise noch gestartet oder fortgesetzt werden? Wir haben uns bei fünf Klubs umgehört.

WASSERBALL

Anfang der vergangenen Woche hatten die Wasserfreunde Spandau 04 einen Brief auf der Homepage veröffentlicht. Darin forderten sie, dass das Vereinsschwimmen wieder möglich sein müsse. „Wasserfreunde brauchen Wasser“, heißt es unter anderem. Inzwischen ist klar: Die Wasserfreunde bekommen wieder Wasser. Am Donnerstagabend hat der Berliner Senat entschieden, die Freibäder ab dem 25. Mai zu öffnen. „Das ist für uns wunderbar. Wir sind dafür sehr dankbar“, sagt Hagen Stamm. Der Trainingsbetrieb wird erst einmal eingeschränkt sein. Aber für Stamm, der als Präsident immer den Gesamtverein im Blick hat, ist es „ein wichtiger Schritt Richtung Normalität“.

Für die Wasserball-Bundesligateams – Frauen und Männer sind Deutscher Meister und in der laufenden Saison noch ungeschlagen – ändert sich zunächst nichts. Sie dürfen bereits trainieren, allerdings unter strengen Auflagen. „Training ohne Körperkontakt dient größtenteils nur dem Erhalt der Kondition“, sagt Stamm. Das müsste sich ändern, bevor die Saison fortgesetzt werden könnte.

Für die Bundesliga besteht weiterhin Hoffnung, während die Champions League schon abgebrochen worden ist. Angedacht ist ein Zeitrahmen von sechs Wochen ab Anfang August, möglicherweise in Freibädern. „Das wäre ein Silberstreif“, sagt Stamm, der auch Bundestrainer ist. Da gab es zuletzt eine wichtige Nachricht für ihn und die Nationalspieler: Die ausgefallene Olympia-Qualifikation soll nun im Februar 2021 nachgeholt werden. Sebastian Schlichting

HOCKEY

Den Spielerinnen des Berliner HC müsste es im Moment ziemlich gut gehen. Nachdem sie zuletzt zwei Wochen lang einfach mal gar nichts tun sollten, steht für sie aktuell nur leichtes Athletiktraining an. Was sie machen, ist weitgehend ihnen selbst überlassen. Es geht darum, eine gewisse Grundfitness zu erhalten – für den Tag, an dem das normale Training wieder startet. Wenigstens in Achtergruppen soll das ab dieser Woche wieder möglich sein. Unklar aber bleibt, auf welchen Moment die Hockeyspielerinnen dann hinarbeiten.

Wann also der berühmte Tag X sein wird, an dem der Spielbetrieb wieder beginnt. Bis mindestens zum 1. August pausiert die Bundesliga. Am Wochenende hat sich der Deutsche Hockey-Bund (DHB) gegen eine Annullierung der Saison ausgesprochen, wann und wie es weitergeht, ist offen.

Als unbefriedigend und sehr kompliziert empfindet Stan Huijsmans, der niederländische Trainer der BHC-Frauen, diese Situation. Als die Spielzeit wegen der Coronavirus-Pandemie unterbrochen werden musste, lag das Team in der Sechserstaffel auf Platz vier – punktgleich mit dem Fünften, der unter normalen Bedingungen am Ende in die Play-downs müsste.

Sorgen macht sich Huijsmans nicht, weil sich die Mannschaft nach schwierigem Start stabilisiert hat. Zu Beginn der Coronavirus-Krise hat der Trainer den Spielerinnen ein gemeinsames Fitnessprogramm verordnet, auch um das Teamgefühl zu erhalten.

„Aber das kannst du nicht ewig durchhalten“, sagt er. Wie das Programm der nächsten Monate aussehen wird, weiß er noch nicht. „In der aktuellen Situation muss jeder ein bisschen flexibel sein“, sagt Huijsmans. „Dass wir auf hohem Niveau Sport treiben, bedeutet nicht, dass wir eine Ausnahme sein können.“ Ausnahmen gelten nur für den Profifußball. Stefan Hermanns

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RUGBY

Die Entscheidung fiel eindeutig aus. Als am Samstag Vertreter aller 44 Erst- und Zweitligisten via Videokonferenz zusammenkamen, um über die aktuelle Situation in den deutschen Rugby-Ligen zu beraten, stimmten 89 Prozent für einen Abbruch der laufenden Saison. In diesem Jahr wird es keinen Deutschen Meister, aber auch keine Auf- und Absteiger geben.

„Ich habe auch für diese Variante gestimmt. Nur so ist es halbwegs realistisch, im Herbst hoffentlich die neue Saison starten zu können“, sagt Denis McGee. Der 43-Jährige ist Erster Vorsitzender des Berliner Rugby Clubs – und seit vergangenen Mittwoch auch Präsident des Berliner Rugby-Verbandes. Die neue Saison soll idealerweise am ersten September-Wochenende beginnen. Doch auch das wird schwierig. „Wir brauchen davor sechs Wochen normales Mannschaftstraining“, betont McGee.

Aber wenn die Spieler ab Mitte Mai wieder auf die Anlagen gehen, ist erst einmal nur Training in Kleingruppen möglich. „Natürlich wollen alle wieder richtig trainieren, doch derzeit zählt vor allem die Gesundheit“, sagt McGee. „Wir legen langsam Schritt für Schritt los.“ Vor allem in den jüngeren Altersklassen sei das eine Herausforderung. Austritte gab es bisher allerdings nicht und auch finanziell sei der Klub nicht in Bedrängnis, sagt McGee: „Wir halten alle zusammen.“ Deshalb schickt der BRC an seine Mitglieder nun eine Maske mit dem Vereinslogo. „Wenn wir schon nicht das Trikot tragen können, dann wenigstens die Maske“, sagt McGee. Johannes Nedo

AMERICAN FOOTBALL

Die Lage ändert sich derzeit von Tag zu Tag. Das ist eine der Binsenweisheiten in der Krise, die sich auch im American Football bewahrheitet. Die Kobra Ladies – mit zwölf Titeln Rekordmeister in der Frauen-Bundesliga – gingen am Mittwoch davon aus, dass sich das Unternehmen Titelverteidigung für diese Saison erledigt hat. „Es würde uns als Team freuen, wenn wir spielen können“, sagte Marco Schottstädt, einer der Assistenten des neuen Cheftrainers Marco Meyer. „Es würde uns aber auch überraschen.“ Schließlich ist der Spielbetrieb in Berlin bis auf weiteres ausgesetzt, der geplante Saisonauftakt am ersten Mai-Wochenende fiel flach.

Am Donnerstag einigten sich Bund und Länder dann auf neue Lockerungen, und am Freitag verkündete der American-Football-Verband Deutschland, dass nach Möglichkeit doch gespielt werden soll – von September bis November. „Wir lassen uns das Fenster offen“, sagt Sprecher Carsten Dalkowski. „Das ist was für die Optimisten.“ Die scheinen in Berlin eher nicht zu Hause zu sein. „Wir können nur abwarten“, betont Fuad Merdanovic, Präsident des Berliner Verbandes. In den unteren Spielklassen wird es keinen regulären Ligabetrieb mehr geben, zu unsicher ist die Lage um gesundheitliche Auflagen, die Verfügbarkeit der Plätze oder das Publikumsverbot.

Ein paar Gedanken, wie eine Rückkehr ins Training aussehen könnte, haben sich die Kobra Ladies jedoch schon gemacht. Bislang haben sich die Spielerinnen mit sportlichen und mentalen Aufgaben fit gehalten. Auf dem Platz würde es mit Athletik- und Fitnesstraining weitergehen – aus Hygienegründen, wie Assistenzcoach Schottstädt sagt: „Ich glaube nicht, dass es der Ball ewig aushält, wenn man vor jedem Spielzug literweise Sterillium darüber kippt.“ Leonard Brandbeck

BASEBALL

Der Flamingo Park wäre bereit für die Bundesliga. Es gibt jetzt Flutlicht und eine große LED-Anzeigetafel. Allerdings konnte diese noch nicht montiert werden. Grund sind die geltenden Kontaktbeschränkungen. Eile ist aber nicht geboten, denn an Ligaspiele in der Heimstätte im Märkischen Viertel ist für den Aufsteiger Berlin Flamingos ohnehin noch nicht zu denken.

„Wir haben unsere Saisonvorbereitung vor zwei Monaten abgebrochen und sind seitdem ohne Training“, sagt Vereinssprecher Markus B. Jaeger. Nicht nur das: Den 69 Jahre alten Trainer Don Freeman hat der Klub, als dies noch möglich war, nach Hause zur Familie in die USA geschickt. „Es wäre ja sinnlos gewesen, ihn hier festzuhalten“, sagt Jaeger. Die Spieler aus dem Ausland sind ebenfalls in ihrer Heimat und müssen abwarten. So wie der ganze Verein. Dabei herrschte eigentlich Aufbruchstimmung bei den Flamingos. „Jeder muss bereit sein, sein Maximum zu geben. Die Zeit des Schmuse-Baseballs ist vorüber“, wird Jaeger auf der Webseite des Vereins in einer Mitteilung von Anfang März zitiert. Nicht wie bei Aufsteigern oft üblich der Klassenerhalt war das Ziel, sondern die Play-offs. Das war vor der Coronavirus-Krise.

Nun geht es vornehmlich darum, dass die Saison überhaupt stattfinden kann. Die Aussichten sind recht gut. Beim Baseball kann kontaktlos trainiert werden, auch im Spiel sind die Akteure selten nah beieinander. Der nationale Verband nennt das letzte Juni-Wochenende als möglichen Starttermin. Auf eines legt Jaeger Wert: „Wir fordern eine Saison ohne Absteiger.“ Die Flamingos befürchten sonst durch die kurze Vorbereitung einen Nachteil gegenüber Klubs, die lange gewachsene Strukturen und breitere Kader haben. Sebastian Schlichting

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