Es ist nicht leicht, den Fußball bedingungslos zu lieben

Seite 2 von 2
Der Fußball und das Geld : Bundesliga: Bis die Blase platzt
Geht da noch mehr? Der Fußball hat sich daran gewöhnt, dass der Boom immer weiter anhält. Doch in der Bundesliga gibt es erste Anzeichen, dass der Fan nicht mehr bereit ist, alles hinzunehmen.
Geht da noch mehr? Der Fußball hat sich daran gewöhnt, dass der Boom immer weiter anhält. Doch in der Bundesliga gibt es erste...Foto: Getty Images/iStockphoto

Na gut, ist halt Italien, wo es ja nicht nur im Fußball klemmt. In den Stadien, fast alle noch im Originalzustand der WM 1990, „da modert’s an allen Ecken und Enden“, sagt Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern. In Deutschland hingegen: Stadien, Infrastruktur, Stimmung – alles top. Und die Wirtschaft boomt ohne Ende. Trotzdem: Bei Spielen der Nationalmannschaft, immerhin Auslöser des Hypes und aktueller Weltmeister, ist zuletzt regelmäßig ein Drittel der Plätze in den Stadien leer geblieben. Manchmal auch mehr.

Der Fußball macht es einem im Moment nicht leicht, ihn bedingungslos zu lieben. Bundesligaspiele am Montag. Die Langeweile in der Liga mit den ewig siegenden Bayern. Moralisch verwerfliche Ablösesummen. Spieler wie Pierre-Emerick Aubameyang, die trotz bestehender Verträge ihren Wechsel zu einem anderen Klub erzwingen, weil sie dort doppelt so viel verdienen. Eine abgehobene Funktionärskaste in den internationalen Verbänden, die immer neue tolle Ideen in die Welt setzt. Spieler, die zwar ein Prozent ihres Gehalts für soziale Zwecken spenden, aber zugleich kein Problem haben, ihre Bildrechte auszulagern, um auf diese Weise Steuern zu sparen. Gehälter, die jedes erträgliche Maß sprengen.

Peter Peters, Finanzvorstand von Schalke 04, hat beim Spobis geklagt, er höre überall nur noch „Geld, Geld, Geld“. Als er im Sommer erfahren hat, dass Paris für Neymar 222 Millionen Euro gezahlt hat, habe er nur gedacht: „Viel Erfolg“. Und trotzdem werden sich vermutlich ausreichend kluge Leute finden, die auch diesen Transfer noch für wirtschaftlich vertretbar halten. Im Zweifel mit dem Totschlagargument: Wenn der Markt das hergibt und die Mittel vorhanden sind. Das sind sie eben. Der frühere Besitzer von Manchester City hat einmal gesagt, zu seiner Zeit sei der Fußball ein Spiel für Multimillionäre gewesen, „jetzt ist es ein Spiel für Milliardäre“. Das Spiel der kleinen Leute ist es definitiv nicht mehr.

An englischen Verhältnissen richtet sich alles aus

Der Gewinn der Klubs in der Premier League ist inzwischen höher als vor 15 Jahren der Umsatz. England ist für die Branche – Spieler, Berater, Trainer aber auch die Finanzverantwortlichen – zum Sehnsuchtsland geworden oder, wie die Businessleute sagen, zur Benchmark, an der sich alle ausrichten. Die Summen, die die englischen Klubs generieren, sind für die Bundesligisten utopisch. Trotzdem sind sie der Bezugsrahmen: Was die kriegen, das wollen wir auch. DFL-Geschäftsführer Seifert hat angemahnt: „Wenn wir wettbewerbsfähig sein wollen, müssen wir uns zu einem gewissen Maß zum Kommerz bekennen.“ Zu einem gewissen Maß. Hört sich fast so an, als sei die Bundesliga im Moment noch eine Wohltätigkeitsveranstaltung.

Jemand wie Andreas Rettig, Geschäftsführer des FC St. Pauli, fällt beim Spobis nicht nur auf, weil er Wollpullover statt Anzug trägt, sondern vor allem durch seine Ansichten. Was den Fortbestand der 50+1-Regelung angeht zum Beispiel. Die Regelung galt im deutschen Fußball viele Jahre als schützenswertes Kulturgut; inzwischen wird sie immer stärker als Hindernis für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga gesehen – weil sie finanzkräftige Investoren abschreckt. Rettig findet das gut so. „50+1 sichert die gesellschaftspolitische Bedeutung des Fußballs“, sagt er. Sollte die Regelung gekippt werden, komme eine Lawine auf die Bundesliga zu. „Da habe ich große Sorge.“

Die große Masse sieht eher die Chancen in einer weiteren Kommerzialisierung. Sie lauscht mit Interesse, wenn der FC Bayern über seine Digitalstrategie referiert. Der Rekordmeister erreicht über seine sozialen Netzwerke 600 Millionen Fans weltweit; das ist Größenordnung, in der sich auch andere Global Player wie Real Madrid und Manchester United bewegen. Der Umsatz im E-Commerce liegt bei 100 Millionen Euro, der Erlös über digitale Plattformen bei 160 Millionen. Die Digitalisierung – so der allgemeine Tenor – biete noch ungeahnte Möglichkeiten der Wertschöpfung.

Was denn diese Digitalisierung überhaupt sein solle, scherzt der leitende Funktionär eines Bundesligisten hinter vorgehaltener Hand. In Wirklichkeit sei das doch nur ein weiterer Versuch, dem Fan noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Wahrscheinlich denken in einer Branche, in der immer noch Patriarchen der alten Schule wie Uli Hoeneß, Heribert Bruchhagen oder Clemens Tönnies den Ton angeben, viele so. Mitmachen werden sie am Ende trotzdem alle.

Artikel auf einer Seite lesen

25 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben