Sport in Coronavirus-Zeiten : Die brutale Priorität des Fußballs

Profifußball darf gespielt werden, aber die Mittelstreckler dürfen nicht laufen. Das macht wenig Sinn und zeigt die Dominanz des Fußballs. Ein Kommentar.

Distanz gibt es auf den Bundesligaplätzen auch in diesen Zeiten eher nicht.
Distanz gibt es auf den Bundesligaplätzen auch in diesen Zeiten eher nicht.Foto: dpa

Dass viele Sportler mit dem Finger schnell auf den Fußball zeigen würden, war so klar wie verständlich. Während keine Mühen, Risiken und Kosten gescheut worden sind, den ertragreichen Profifußball nach dem coronabedingten Lockdown schnell wieder aufzunehmen, mussten und müssen teilweise immer noch die anderen Sportarten zusehen, wo sie bleiben. Der Profifußball ist in diesen Zeiten eine recht exklusive Veranstaltung geworden.

Verärgert darüber sind auch die Mittel- und Langstreckler in der Leichtathletik. Ihnen soll der Start bei den Deutschen Meisterschaften am 8./9. August in Braunschweig verwehrt bleiben, weil sie die Abstandsregeln über einen längeren Zeitraum nicht einhalten können.

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Wer sich ein über 90 Minuten andauerndes Fußballspiel ansieht, kann den Ärger der Leichtathleten verstehen. In der Bundesliga wird in diesen Wochen genauso aneinander gezerrt, gezogen und gehalten wie vor der Coronavirus-Krise. Fußball ist ein Kontaktsport geblieben.

Das Argument mit der Abstandsregelung greift daher aus rein infektiologischer Perspektive überhaupt nicht. Zudem wäre in der Leichtathletik der Aufwand, isolierte und getestete Sportler in den Wettbewerb zu schicken, sehr viel geringer als im Fußball. Der Grund, warum die Läufer nicht laufen dürfen, ist ein anderer: Sie wertschöpfen keine Milliarden und haben dementsprechend keine Lobby.

Die Erkenntnis, dass im Spitzensport hierzulande der Fußball Priorität hat, ist nicht neu. Doch so brutal wie in diesen Zeiten kam sie selten zum Vorschein.

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