Von der Notunterkunft zum Problemort

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Update
Gerhart-Hauptmann-Schule : Räumung mit Hindernissen
Nik Afanasiew

Einen Toten hat es bereits gegeben, Schwerverletzte außerdem. Ende April waren zwei Afrikaner aneinandergeraten. Angeblich hatte es Streit um die Benutzung der einzigen Dusche gegeben, die den Bewohnern zur Verfügung stand. Da wusste schon niemand mehr genau, ob gut 200 Frauen, Männer und Kinder in der Schule lebten oder an die 400. Beim Streit um die Dusche hatte einer der beiden ein Messer gezogen und den anderen niedergestochen. Der Mann, 29 Jahre alt und angeblich aus Marokko stammend, starb im Rettungswagen.

Die Gerhart-Hauptmann-Schule war von der Notunterkunft zu einem Problemort geworden, manche meinten auch: zum kriminellen Ort. Als Notunterkunft hatten die Flüchtlinge vom Oranienplatz sie im Dezember 2012 besetzt – Rückzugsort für die, die in den Zelten des „Refugee-Camps“ im Winter krank geworden waren. Der damalige Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) hatte besänftigend von einer Überlassung der Schule im Rahmen der „Kältehilfe“ gesprochen.

Bürgermeister Schulz trat ab

In Kreuzberg ging, was am Brandenburger Tor nicht geduldet worden war: Flüchtlinge aus Lampedusa, Illegale ohne Papiere protestierten mit ihrer Anwesenheit, dass man sich mitten in Europa, fern von allen Grenzen zu den Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt, nur im Fernsehen mit dem Flüchtlingsstrom befasste. Bürgermeister Schulz trat ab, Bürgermeisterin Monika Herrmann sah die Sache so ähnlich wie ihr Vorgänger.

Doch im Camp auf dem O-Platz gab es Stress und Gewalt, in der Schule machten sich junge Männer breit, die ihr Geld mit Dealerei im nahen Görlitzer Park verdienten. Ohnehin war es ein Leben im Dauer-Ausnahmezustand, auch wenn die Bewohner der Schule ein festes Dach über dem Kopf hatten: In den ehemaligen Klassenzimmern schlief man auf Matratzenlagern. Was an Körperhygiene zu machen war, musste an den Waschbecken der ehemaligen Schultoiletten erledigt werden, von der besagten einzigen Dusche abgesehen.

Bis Ende April zählte die Polizei fast 70 Einsätze an der Gerhart-Hauptmann-Schule, mehrfach hatten Spezialeinsatzkommandos das Gebäude gestürmt, weil weniger hochgerüstete Polizeikräfte sich nicht hatten durchsetzen können.

Die grüne Bürgermeisterin Herrmann hatte zwar Sinn dafür, wie die Kreuzberger Flüchtlinge das deutsche Gewissen unter Druck setzten, doch auch den Eindruck, dass es im Camp und in der Schule zu gefährlich wurde. Innensenator Frank Henkel war nicht durchgekommen mit dem Plan, den Oranienplatz wegen diverser Verstöße gegen das Grünanlagengesetz zu räumen. Sozialsenator Mario Czaja (CDU) fand in wochenlangen Gesprächen mit Flüchtlingen, deren Sprechern, mehr oder minder selbst ernannten Helfern die Lösung: Unterbringung auf Kosten des Landes Berlin, Prüfung des Asylantrags, keine Sanktionen wegen der diversen Verstöße gegen die Residenzpflicht.

So wurde Anfang April die friedliche Räumung des Oranienplatzes möglich – so dachten sich die Vertreter des Bezirksamts Kreuzberg-Friedrichhain wohl auch die Räumung der Schule. Für deren Bewohner sollte gelten, was für die Zeltbewohner vom Oranienplatz gegolten hatte. Voraussetzung war, dass sich die Bewohner der Schule einen „Hausausweis“ besorgten. Der wurde seit ein paar Wochen an jene verteilt, die sich beim Bezirksamt gemeldet hatten.

Viele Bewohner haben verpasst, sich einen Hausausweis zu besorgen

Viele würden das Angebot gern annehmen, berichtet eine Beraterin und Unterstützerin der Flüchtlinge. Sie hätten aber verpasst, sich den Hausausweis zu besorgen. Einer von ihnen nennt sich Frank. Er sagt, er sei 30 und stamme aus Ghana. Seit vier Wochen lebt er mit seiner Familie in der Schule, seiner Frau und seinen zwei- und vierjährigen Töchtern. Er habe schlicht nichts mitbekommen von einem Hausausweis, sagt er. Zwei Jahre hätten er und seine Familie in Rom gelebt, nachdem sie es aus Libyen nach Lampedusa geschafft hatten. Im Juni sind sie nach Berlin gekommen.

Unterdessen laufen Stadtrat Panhoff und seine Mitarbeiter durch die Schule und informieren die Bewohner über das Angebot des Senats. Der Linken-Abgeordnete Hakan Tas kommt nach Gesprächen in der Schule mit der Auskunft, dass rund 50 Bewohner der Schule das Angebot des Senats nicht annehmen wollten. Mit ihnen soll weiterverhandelt werden. Da hat ein Bus mit 40 oder 50 Menschen Kreuzberg eben verlassen, von einer Polizeieskorte begleitet. Sie sollen, wie auch andere umzugsbereite Flüchtlinge, in einem Heim der Arbeiterwohlfahrt in Charlottenburg unterkommen.

Bis zum frühen Abend kommen immer wieder Flüchtlinge dort an: Koffer werden getragen, Taschen geschultert, 33 Menschen ziehen hier jetzt ein. Die Stimmung ist gelöst, für die neuen Bewohner gibt es ein warmes Essen, Wasser, Kaffee, Tee. Erst mal ankommen.

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