Koalitionsstreit um Hans-Georg Maaßen : Horst Seehofer, völlig aus der Zeit gefallen

In der guten alten Zeit konnte Horst Seehofer seine Politik in Hinterzimmern erklären. Doch heute gelten seine bewährten Koordinaten nicht mehr.

Eigentlich möchte Seehofer als der gesehen werden, der die Koalition auf den richtigen Pfad bringt.
Eigentlich möchte Seehofer als der gesehen werden, der die Koalition auf den richtigen Pfad bringt.Foto: Michael Kappeler/dpa

Es rast der See und will sein Opfer, würde Wolfgang Schäuble jetzt sagen, der Bundestagspräsident, so lange im Parlament wie kein Zweiter. Und einer, der den Horst Seehofer so lange kennt wie wenige. Schon zu Zeiten des Bundeskanzlers Helmut Kohl, dem beide auf je unterschiedliche Weise zu Diensten waren. Ja, so lange ist Seehofer schon im Geschäft, mindestens, so lange schon auf der großen Bühne. Damals noch als Parlamentarischer Staatssekretär unter Norbert Blüm, dem „Die Rente ist sicher“-Minister, der 16 Jahre darüber wachte. Seehofer war sein Mann fürs Soziale, aber nicht nur. Er war, was wenige wurden: eine Art Juniorminister. So etwas gab es ja eigentlich nicht, gibt es bis heute nicht. Aber das, was es eigentlich nicht gibt – das hat den Horst Lorenz Seehofer immer schon gereizt.

Übrigens auch im Wortsinn. Denn er kann sich reinsteigern in etwas, kann richtig wütend werden. Obwohl er nach außen diesen Eindruck vermeiden will. Dann geht er, zum Beispiel, besonders langsam. Oder er fängt besonders langsam zu reden an. So wie vor einer Woche, als er im Oberbayerischen eine Wahlkampfrede halten sollte und dann doch fast die ganze Zeit über sich und die Ungerechtigkeit der Welt gegen ihn redete. Ob das die Leut’ da unten so recht interessierte, interessierte ihn in diesem Moment gerade weniger, er musste es jetzt einmal loswerden.

Warum versteht ihn denn keiner?

Seehofer, das Rätsel. Seehofer, das Irrlicht. „Crazy Horst“. Er macht es einfach, sich so über ihn auszulassen, an ihm alles abzumachen, was gegenwärtig in der Koalition nicht oder schlecht läuft. Seitdem er in Berlin ist. Dabei will er das doch gar nicht; er will es genau andersherum, und das macht das Tragische dieser Tage aus, die Tage der Causa Maaßen – und Seehofer. Ihn umweht der Ruch des Scheiterns. Eigentlich möchte er als der gesehen werden, der die Koalition auf den rechten – auch im Sinn von richtigen – Pfad bringt. Der sie, so wie er es sieht, mit der wahren Wirklichkeit versöhnt, die da draußen im Lande herrscht. So hat es Kohl immer gesagt.

Versöhnt! Nicht verkracht! Warum versteht ihn denn keiner? Genau das klingt aus beinahe jedem Satz, den er sagt. Früher hätte er es mit mehr Witz, mehr Schalk, mit seinem fast spitzbübischen Grinsen gesagt. Aber es sieht so aus, als sei ihm das Lächeln abhandengekommen. Wie soll es auch noch da sein, wenn doch das weg ist, was ihn ausgemacht hat: das bajuwarisch Schlitzohrige, dieses Franz Josef Strauß, der Legende, nachempfundene Spiel mit allen möglichen und unmöglichen Optionen. Der Strauß, ja, der konnte es sich leisten, als Kommunisten- und Sozi-Fresser zu gelten und gleichzeitig einen Milliardendeal mit der DDR einzufädeln. Und er, Seehofer, wenn er das getan hätte – dann hätten sie ihm unterstellt, nicht ganz normal zu sein.

Das sind die Dimensionen, in denen Horst Seehofer denkt, das sind seine Koordinaten. Er misst sich und sein Tun an den Großen. Nur sind es zunehmend die der Vergangenheit: Kohl, Strauß, beide tot. Beide taugen als Referenzrahmen – und auch wieder nicht. Denn beide wollten Großes und schafften es auch. Aber die Zeit ist über ihren Stil hinweggegangen. Länger schon.

Ein Shitstorm macht ihn nicht lernwillig, sondern bockig

Alles hat sich geändert, und alles ist im Fluss. So schnell, dass man schon mal den Überblick verlieren kann. Und heute ist auch keiner mehr so geduldig und sitzt am Fluss und wartet in aller Ruhe, dass die Leiche seines Feindes an ihm vorbeigeschwommen kommt. Heute wird mit dem Smartphone fotografiert und gepostet, zusammen mit einem coolen Spruch.

Seehofer ist ein Meister der ironischen Sprüche, der lakonischen – aber auch der Sprüche, die voll danebengehen. Dann erntet er einen Shitstorm, der ihn nicht neugierig, nicht lernwillig macht, sondern geradezu bockig. Weil er denkt, es kann nicht sein, was nicht sein darf. Weil er meint, es sei noch die Zeit, in der sich die Menschen bemühten, das absolut Hintersinnige mitzudenken, das, was möglicherweise dahinterstehen könnte, mit allen Verwinkelungen. Und dabei auch noch gutwillig zu denken.

So ist es aber nicht mehr, und deswegen tut sich Seehofer schwer. Seine Politik war und ist die, Politik anzudeuten, auch anzutäuschen, um dann das Gegenteil dessen zu tun oder machen zu können. Weil er doch die anderen auf eine falsche Fährte geführt hat. Früher, in der guten alten Zeit, konnte er das in Hinterzimmern erklären, darauf vorbereiten, und es gegebenenfalls nachbereiten, sodass zur Strategie gerinnen konnte, was erst im Laufe dieses komplexen Prozesses vielleicht eine wurde. Einerlei, das geht heute so nicht mehr. Nicht in Zeiten der Forderung nach völliger Transparenz und der Anforderung der öffentlichen Partizipation, will sagen: der Beteiligung aller, die da in aller Öffentlichkeit meinen, etwas sagen zu sollen.

Über Bande brachte er die Kopfpauschale zu Fall

Ja, und auch das macht es Seehofer schwer: Es gibt das Institut des Respekts nicht mehr. Er hat den noch. Es ist Jahre her, da sagte Seehofer auf die Frage, wer seine Vorbilder seien: Strauß, natürlich, weil der „a Hund“ war, Heiner Geißler und Willy Brandt. Geißler und Brandt! Brandt, weil der seine Partei kannte wie keiner sonst; was übrigens auch immer Kohl faszinierte. Und Geißler, weil der sich streiten konnte und wollte wie kein anderer. Das will Seehofer doch auch immer. Gegen die Gesundheits-„Kopfpauschale“ der Angela Merkel, auch schon wieder Jahrzehnte her, wetterte er, argumentierte er, und als das alles nichts zu nutzen schien, oder nur Merkel, stellte er sein Amt als Fraktionsvize der Union zur Verfügung. Und über Bande gespielt, kam die Kopfpauschale zu Fall. Mit dem Rücktritt spielen, das tut er schon mal, auch im Amt des Innenministers. Es kann nun passieren, dass er es muss.

Eine Form der Einsamkeit. Horst Seehofer mit Kanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Olaf Scholz.
Eine Form der Einsamkeit. Horst Seehofer mit Kanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Olaf Scholz.Foto: imago/Christian Thiel

Streit um die Sache muss sein – das ist Seehofers Motto seit jeher. Und seit jeher will er recht bekommen. Das macht die Sache auch wieder schwer. Schon gar, wenn er denkt, so sehr recht zu haben, dass es alle sehen müssen. Und ist es nicht auch genauso bei dieser vermaledeiten Flüchtlingssache?

Natürlich hat er noch als bayerischer Ministerpräsident alles getan, um die ins Land kommenden Zufluchtsuchenden gut aufzunehmen. Aber dann! Dann hätte es doch auch mal gut sein müssen, dann hätte Angela Merkel doch mal auf ihn hören sollen, dann hätte die Europäische Union helfen sollen, dann hätten Recht und Ordnung wieder einkehren müssen. Und dann ist es in ihm explodiert: Warum in Herrgottsnamen will Merkel das nicht verstehen? Seehofer hat es bestimmt so ähnlich gesagt, aber so stur wie er ist Merkel allemal. Nur ist sie ruhiger. Er kann sich schier gar nicht mehr beruhigen.

Schnell geht es zu, schnell ist der Wandel

Völlig unterschätzt wird, dass Seehofer zum Beamten ausgebildet worden ist, Verwaltungsprüfungen ablegen musste, Kommunalbeamter war, Geschäftsführer des Planungsverbands und des Rettungszweckverbands der Planungsregion Ingolstadt, für die Landratsämter Ingolstadt und Eichstätt in leitender Verwaltungsfunktion tätig. Das prägt. Es ist wie mit der Politik: Er kennt Verwaltung. Er ist darin groß geworden. Aber es ist eine Kenntnis der vergangenen Jahrzehnte.

Seine Erfahrungen haben ihn da hingebracht, wo er jetzt ist – aber jetzt macht er andere, neuere: Schnell geht es zu, schnell ist der Wandel, auch der in der öffentlichen Meinung. Nachhaltiges Bewirtschaften eines Themas, in Ruhe, einmal ein bisschen testen hier und da, ein bisschen abrücken hier und da, und dann das Richtige tun – das findet heute unter veränderten Bedingungen statt. Die Kanzlerin, zum Beispiel, ist im Adaptieren schneller. Wahrscheinlich macht ihn das auch rasend.

Und das bekommt jeder mit. So stellt sich das Seehofer dar: Kein vertraulicher Satz ist mehr sicher, keine nacheilende Information wird noch gehört, geschweige denn verwertet. Da sind ja auch immer so viele, die mithören, die gleich senden, posten, twittern. Das ist für einen seiner Zeit das Chaos. Und der Grund für so viel Chaos.

Er ist doch einer, der sich viel denkt, ein Stratege!

Chaos aber gilt es nicht zuzulassen. Seehofer ist einer, der die Kontrolle behalten will über alle Entwicklungen – und über das Bild, das er abgibt. Darum twittert er jetzt, um die Souveränität zurückzuerlangen, um den Ton zu setzen, um zu bestimmen, dass die Menschen wieder verstehen: Er ist doch einer, der sich viel denkt, ein Stratege, nicht wahr! Nur denken sie das inzwischen nicht einmal mehr alle um ihn herum. Und dann twittert er auch noch nicht einmal selbst, sondern lässt twittern.

Ob ihn das alles krank macht, wirklich krank, wie manche behaupten, steht dahin. Seehofer sagt, wer das behauptet, kennt ihn nicht wirklich. Dass er gebückter aussieht als früher, fällt nicht weiter auf, weil er ein Mannsbild von 1,93 Metern ist. Kurzatmig sind andere auch. Wenn er dann mal wieder lächelt, das Seehofer-Lächeln, dann könnte man ihm fast glauben. Aber wer will schon im Bundesinnenministerium unter der Woche in einem Zimmer wohnen? Wer mag diese Form Einsamkeit?

Vielleicht ist es so: Seehofer weht manchmal die Traurigkeit an. So viel hat er erreicht, das schöne Bayern zu seiner besten Zeit noch ein bisschen schöner gemacht, das haben sie früher doch gesagt, und jetzt sitzt er hier. Weit weg. Zu Hause in Ingolstadt, was da alles wartet auf ihn. Da ist seine Welt. Und sei es die, die er – wie inzwischen alle wissen – um seine Spielzeugeisenbahn herumgebaut hat. In dieser Welt gibt es auch eine Angela Merkel, aber eine in Klein.

Er hat einen eigenen, doppelbödigen Witz

Und wenn einer sich so missverstanden, sich fast schon um seine Lebensleistung gebracht fühlt und in die Enge getrieben – ist der dann eine tragische Figur, wie sein alter Duzfreund Norbert Blüm sagt, sein erster Minister? Oder ist er dann ein Opfer der Umstände, was auch, aber anders tragisch ist?

Es hat seinen eigenen Witz, doppelbödig allzumal, dass Horst Seehofer Träger des Karl-Valentin-Ordens ist. Valentin, das war auch Dada. Valentins Humor war auch „Sprach-Anarchismus“, er war ein „Wortzerklauberer“, wie der Großkritiker Alfred Kerr sagte. Sein Sprachwitz zielte zumal auf ihn selbst. „Der Pessimismus und die Tragik seiner Komik wurden durch den ständigen Kampf mit alltäglichen Dingen wie der Auseinandersetzung mit Behörden und Mitmenschen genährt, die er auch selbst erlebte“, schreibt Wikipedia. Seehofer ist keiner, der bei Wikipedia nachschaut. Oder nachschauen muss: Er stammt noch aus der Generation, die das von Valentin weiß.

69 Jahre alt ist Horst Lorenz Seehofer, an einem vierten Juli geboren, einem der stolzen Tage für die Demokratie. 69 ist er, und groß geworden unter anderen Umständen. Jetzt müsste er umdenken, umlernen, alles in Rekordzeit – denn es rast der See und will sein Opfer. Spätestens nach der Bayernwahl.

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