Genomanalyse auf Firmenkosten

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Computer sollen Behandlung personalisieren : Wegweiser zur besten Krebstherapie

Spätestens beim dritten Punkt wird klar: Bei täglich tausenden neuer Fachartikel kann kein Arzt mehr behaupten, alle Informationen für eine Therapieentscheidung berücksichtigt zu haben. „Der einzelne Onkologe kann heute einfach nicht mehr alles wissen“, sagt Natalie Lotzmann, leitende Betriebsärztin beim Softwarekonzern SAP. Seit November letzten Jahres wird den weltweit 65 000 Mitarbeitern Bohlens Treatment Map angeboten. Jeder Mitarbeiter, der an Krebs erkrankt, kann damit sein Erbgut und die Genmutationen des Tumors analysieren lassen. Mit diesem Genprofil der Krankheit sucht Molecular Health dann in den Datenbanken nach passenden Therapieoptionen. Die Kosten übernimmt SAP. (Video: Erfahrungen eines SAP-Mitarbeiters)

Je mehr Gene untersucht werden, umso besser

„Natürlich werden wir nie alles wissen, alle Mutationen kennen, alle Interaktionen, die den Verlauf einer Krebserkrankung bestimmen“, sagt Bohlen. Dennoch könne man für jeden Patienten ein individuelles Modell seiner Krankheit erstellen. „Je mehr Pixel ein Bildschirm hat, umso besser ist das Bild.“ Schon wer 50 oder 60 für den jeweiligen Krebstyp relevante Gene auf charakteristische Mutationen untersucht („Hotspot“-Analyse), könne ein Profil der Erkrankung aufstellen. Je mehr Gene getestet werden, ob nun ein „Panel“ von 500 oder alle 23 000 Gene, umso genauer lässt sich bestimmen, an welchen Stellen im Stoffwechsel der Zelle die Krebserkrankung entsteht und wo der Arzt eingreifen kann. „Der zweite Schritt ist dann, mithilfe des medizinischen Wissens in den Literaturdatenbanken die passende Therapie herauszusuchen.“

Molecular Health ist nicht die einzige Firma, die Systeme entwickelt, mit denen das stetig wachsende Wissen über die Molekularbiologie von Krebserkrankungen die ärztliche Praxis verbessern soll. Während an Bohlens Firma seit 2006 SAP-Gründer Hopp beteiligt ist, hat die US-amerikanische Foundation Medicine Finanzspritzen von Microsoft-Gründer Bill Gates und Google Ventures bekommen. Auch Caris Life Sciences oder das deutsche Center for Genomics and Transcriptomics (Cegat) bieten Erbguttests mit anschließender computerunterstützter Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die Unterschiede der jeweiligen Angebote sind auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Letztlich hängt der Erfolg davon ab, welche Gene untersucht werden, welche Literaturdatenbanken durchforstet werden und vor allem, wie die Daten aufbereitet werden.

Software taugt auch für andere Krankheiten

Molecular Health bezieht nicht nur die Genomdaten, sondern auch die Diagnose des Arztes und die Krankengeschichte des Patienten ein und sucht in 23 Millionen Fachtexten nach adäquaten Therapievorschlägen, die mit Daten über 37 000 Wirkstoffe bezüglich Neben- oder Wechselwirkungen der Arzneien abgeglichen werden. Über zehn Jahre baute Bohlens Team in Heidelberg diese Datenbanken und Analysesysteme auf. „Wir kopieren die Fachartikel nicht einfach“, sagt Bohlen. Chemische und biologische Informationen könne man ja nicht einfach in eine Datenbank übernehmen. „Wenn man dem Computer beibringen will, welches Medikament mit einem bestimmten Protein interagiert, dann müssen das Experten in die Datenbank einpflegen.“

Bislang hat Molecular Health das System optimiert, um vor allem Onkologen bei der Wahl der Behandlung von Krebs zu unterstützen. Doch prinzipiell taugen die Computeralgorithmen auch für andere Krankheiten wie Diabetes. „Bislang lohnt sich das noch nicht, weil kaum jemand bei 2000 Euro Behandlungskosten für einen Diabetespatienten pro Jahr 3000 Euro für so einen Test zahlen dürfte“, sagt Bohlen. „Aber in fünf Jahren, wenn die Sequenzierungskosten bei vermutlich maximal 1000 Euro liegen, sieht das schon anders aus.“

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