Die Wissenschaft der Verlängerung : Fußball-WM: Viel Zucker hilft viel

In der K.-o.-Runde einer Fußball-WM kommt es häufig zur Verlängerung. Wie kann ein Team daraus das Beste machen?

„Wat wollnse?“ Per Mertesackers (links) Eistonne, in die er sich nach einem 120-Minutenspiel bei der letzten WM zurückziehen wollte, ist vor Abpfiff noch keine Option. Aber auch nicht das, was Spieler vor einer Verlängerung am ehesten wollen: sich einfach nur hinlegen. Stattdessen: Massage für Muskeln und Seele. Und vor allem Zucker.
„Wat wollnse?“ Per Mertesackers (links) Eistonne, in die er sich nach einem 120-Minutenspiel bei der letzten WM zurückziehen...Foto: imago/MIS

In den letzten Jahren ist Fußball immer mehr auch zu einem Forschungsgebiet geworden. Anhand von Daten werden Spiele, Trainingsleistungen und ganze Saisonverläufe statistisch analysiert. Auf dieser Basis machen Betreuer dann Taktik- und Trainingspläne, sogar Spieler werden aufgrund ihrer Werte verpflichtet. Eine ganz einfache Statistik ist folgende: Bei den letzten drei Männer-Fußballweltmeisterschaften fanden insgesamt neun Halbfinal- und Endspiele statt, von denen fünf – also mehr als die Hälfte – in die Verlängerung gingen. Es würde sich also lohnen, wissenschaftlich fundiert zu wissen, wie eine Elf diese 30 Minuten am besten bewältigt.

Die Wissenschaft (der Verlängerung) hat's schwer

Wie verhindert man, dass bei der halben Abwehr die „Waden zumachen“? Wie führt man den Spielern am besten Energie zu? Wie findet der Trainer heraus, wen er am ehesten auswechseln muss? Auf welche Fähigkeiten kann man mit schweren Beinen nicht mehr so sehr vertrauen und wie geht man damit um? Und so weiter. Eine „Extra-Time-Science“ kann den entscheidenden Unterschied in den wichtigsten Spielen machen. Allerdings sei sie „ein undankbares Thema“ – schlicht, weil Verlängerungen insgesamt „so selten vorkommen“, sagt der DFB-Teamarzt Tim Meyer, im Hauptberuf Sportmediziner an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. An das, was mittlerweile viele Entscheidungen der Betreuerteams zu bestimmen scheint – Daten – ist aber nicht nur aus diesem Grund schwer heranzukommen, sondern auch, weil in solchen Ausnahmesituationen kein Spieler einen Fragebogen ausfüllt, sich Blut abzapfen lässt oder sich noch schnell ins MRT-Gerät legt.

Dazu kommt, laut Meyer, dass jeder individuelle Fußballer auch ein Unikum ist, wenn die Grenzen der Belastbarkeit nah sind. Etwa, wenn es darum geht, rechtzeitig möglichst den Spieler auszuwechseln, der am ehesten durch Krämpfe ausgeschaltet wird, habe man „nur die eigenen Erfahrungen der Spieler“ als Anhaltspunkt. Wer weiß, dass er zu Krämpfen neigt, muss im Fall selbstlos und von sich aus anregen, ausgewechselt zu werden. Hier helfe ein gutes Vertrauensverhältnis zu den Betreuern „aber keine Messung“.

Faustregel: So viel trinken und Kohlenhydrate aufnehmen wie möglich

Was man messen kann, ist etwa die Herzfrequenz. Die sagt aber fast nichts aus. Insgesamt sind für die Hilfe, die nach 90 oder 105 Minuten jeder Spieler gerne annimmt, Betreuer und Athleten vor allem auf ihr – im Wortsinne – Bauchgefühl angewiesen: „Es gibt keine Messung, die konkret und einfach den Flüssigkeits- und den Kohlenhydratbedarf ermittelt“, sagt Meyer. Als Faustregel gelte, dass jeder so viel trinken und Kohlenhydrate essen sollte, wie er irgend tolerieren kann.

Tatsächlich gilt das „Auffüllen“ mit Flüssigkeit, Mineralien und Zuckern als wichtigste und effektivste Intervention überhaupt. Während vor Zucker in der täglichen Nahrung berechtigterweise immer mehr gewarnt wird, kann er – in Abwandlung eines Otto-Rehagel-Zitates – „Spiele gewinnen“, vor allem in der Verlängerung. Der Sportwissenschaftler Liam Harper von der University of Huddersfield in England ist einer der wenigen seines Faches, die sich auf Fußallverlängerungen spezialisiert haben. Bei jungen Spielern konnte er nachweisen, dass diejenigen, die nach 90 Minuten Kohlenhydrat-Gels verspeisten, beim Dribbling und Passspiel besser blieben als jene, die nur ihren Flüssigkeitsmangel ausglichen. Solche koordinativen, Genauigkeit und Schnelligkeit in der Einzelbewegung erfordernden Fähigkeiten leiden mit zunehmender Spieldauer am meisten. Im Eins gegen Eins bleibt der Stürmer eher hängen und Fehlpässe häufen sich – es sei denn, man spielt mehr auf Sicherheit. Letzteres passiert tatsächlich häufig und ist ein Grund dafür, dass viele Verlängerungen in ein Elfmeterschießen münden. Eine Option ist aber auch, einen frischen, schnellen und technisch starken Spieler mit vollem Glykogen-Speicher einzuwechseln. 2014 tat dies Joachim Löw mit Mario Götze.

Harper sieht in der Gabe von Kohlenhydraten – zusammen mit isotonischer Flüssigkeit, die die Aufnahme über den Darm erleichtert – im ansonsten wissenschaftlich durchoptimierten Profifußball noch große Potenziale. Seine Befragungen bei Clubs ergaben, dass keineswegs überall routinemäßig Energielieferanten verabreicht werden, wenn eine Verlängerung ansteht. Dabei sei dies schon in der Halbzeitpause auch bei jedem normalen Spiel zu empfehlen und könne gegen Ende der 90 Minuten entscheidend sein.

Gib dem Athleten Zucker

Das sieht auch Alexander Ferrauti so. Der Trainingswissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum sagt, schon nach 45 Minuten seien bei vielen Spielern die Kohlenhydratreserven im Muskel in Form von Glykogen-Molekülen zu mehr als zwei Dritteln aufgebraucht. Ob man diese mit Pausen-Zucker wieder auffüllen könne, sei unklar. Sicher sei allerdings, dass solche Kohlenhydratgaben direkt verwendet werden könnten. Das schont die Speicher für später im Spiel. Dass dabei zu viel Zucker in den Organismus komme, sei keine Gefahr. Denn anders als im Ruhezustand sei keine überschießende Insulinausschüttung, die letztlich die Leistungsfähigkeit sogar hemmen könnte, zu erwarten. Stresshormone wie etwa Adrenalin würden diese Reaktion blockieren.

Jenseits der Energielieferanten nennt Ferrauti einen aus seiner Sicht weiteren Schlüsselstoff: das Magnesium. Man könne im Fußball fast die Uhr danach stellen: „Jenseits von 90 Minuten nimmt die Krampfneigung extrem zu“, so der Sportwissenschaftler. Wenn man rechtzeitig, also etwa schon in der Halbzeitpause, Magnesium zuführen würde, könne man dies bei vielen Spielern aber verhindern. Den Muskeln helfen auch nachweislich kurzzeitige Massagen und Lockerungsübungen. Sich einfach nur hinzusetzen, sei jedenfalls „das Falscheste“, sagt Tim Meyer. Er spricht auch von einem „möglichen Placeboeffekt“ dieser Art von Zuwendung, der „nicht zu verkennen“ sei.

Psychische Aspekte sind ohnehin insgesamt nicht zu verkennen. Allerdings mögen es Spieler eher nicht, nach 90 Minuten plus Nachpielzeit mit Formeln aus dem Mund des Team-Seelendoktors zugetextet zu werden. Bestimmt aber könnten "gemeinsame Einschwörungen der Mannschaft hilfreich sein", sagt Meyer.

Die deutsche Mannschaft ist in Verlängerungen normalerweise gut, und wenn nötig auch danach, „vom Punkt“. Dazu ist es bei dem derzeitigen Turnier nun gar nicht gekommen. Vielleicht auch, weil das Betreuerteam das Training so aufgebaut hatte, dass wirkliche Höchstleistungen erst in der K.-.o.-Phase mit 120-Minuten-Option überhaupt möglich gewesen wären? Meyer verrät keine Details. Er sagt aber, es könne für ambitionierte Teams „nicht das Hauptziel sein, in der ersten Turnierwoche die perfekte Form zu haben". Das ist der „Mannschaft“ in Russland nun wirklich gelungen.

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