Krankenhaushygiene : Von der Hand in den Tod

Der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis, geboren am 1. Juli 1818, erkannte einst die Bedeutung von Hygiene. Seine Methoden sind aktueller denn je.

Keimschleudern
KeimschleudernFoto: Marius Becker/dpa

Es gibt ein paar Mittel, gegen die selbst die widerstandsfähigsten Krankheitserreger noch nicht resistent geworden sind. Sie funktionieren seit langer Zeit, obwohl sie schon deutlich länger gegen Bakterien im Einsatz sind als Antibiotika wie Penicillin. Und Alkohol, Chlorlösung und in Wasser aufgelöste Seife werden wohl auch in Zukunft zuverlässig Mikroben abtöten. Zwar kann man die Keime mit ihnen nicht wie mit Antibiotika tief im Körperinnern unschädlich machen. Doch ihr Potenzial bei der Bekämpfung und Vorbeugung von Infektionen, auch solchen mit resistenten Keimen, ist riesig. Entdeckt – und als Erster auch gezielt zu diesem Zwecke genutzt – hat sie ein Mann, der vor 200 Jahren, am 1. Juli 1818, geboren wurde.

Von der Obduktion ans Kindbett

Es war Mitte der 40er Jahre des 19ten Jahrhunderts, als jener aus Buda (heute Budapest) stammende Ignaz Semmelweis in Wien zusammen mit Kollegen und Studenten auf einer Entbindungsstation arbeitete. Im gleichen Spital gab es noch eine zweite solche, auf der allerdings keine Mediziner die Frauen und Neugeborenen betreuten, sondern Nonnen.

Dort kam Kindbettfieber mit tödlicher Blutvergiftung fast nicht vor, auf Semmelweis' Station dagegen starben zwischen fünf und 15 Prozent der Frauen daran. Semmelweis wollte wissen, was die Ursache war, und untersuchte alle Frauen auf seiner Station eingängig. Er fand nichts, doch die Sterberate stieg auf 30 Prozent. Dass er selbst der Todesengel war, ging ihm auch dann noch nicht auf, als sein Kollege Jakob Kolletschka an Blutvergiftung starb – ein paar Tage nachdem ein Student ihn während der Obduktion einer an Kindbettfieber verstorbenen Frau mit dem Skalpell verletzt hatte. Doch er war sich nun sicher, dass Ärzte und Studenten, die sowohl Leichen sezierten als auch Frauen behandelten, die Krankheit irgendwie von den Toten auf die Lebenden übertrugen. Es war ein logischer Schluss, denn bei den Patientinnen auf der Nonnenstation war nichts anders als bei den von Ärzten betreuten – außer eben, dass sie nicht von Ärzten betreut wurden.

Über winzige, unsichtbare „Keime“ als Krankheitserreger gab es damals allerhöchstens Theorien. Jakob Henle etwa, der Lehrmeister eines gewissen Robert Koch, der ein paar Jahrzehnte später daraus eine Gewissheit machen sollte, brachte 1840 eine solche zu Papier.

Hände als Keimschleuder

Semmelweis zog eher logische Schlüsse aus dem, was er sah, und wies seine Studenten und Kollegen an, sich nach dem Besuch in der Leichenhalle die Hände mit Seife und zusätzlich mit Chlorlösung oder Chlorkalk zu waschen. Sofort sank die Zahl der Fälle von tödlichem Kindbettfieber. Nachdem sie einmal wieder gestiegen war, erkannte Semmelweis nun auch, dass die Übertragung auch von einer lebenden Frau zur anderen möglich war – über die Hände des Arztes. Er verschärfte die Hygienevorschriften dahingehend, dass Ärzte nun vor jedem Patientenkontakt die Hände mit Chlorkalk zu waschen hatten, und nicht nur, wenn sie aus dem Leichenschauhaus kamen. Die Zahl von Kindbettfieber-Fällen fiel daraufhin auf einen absoluten Tiefstand.

Wahrscheinlich aber wurde dem jungen Arzt damit auch klar, dass seine eigenen eingehenden Untersuchungen von Frauen auf der Suche nach der Krankheitsursache vielen den Tod gebracht hatten.

Man sollte erwarten, dass nun eine strahlende Medizinerkarriere und eine Revolution der Krankenhaushygiene gefolgt wären. „Würde er jetzt leben, wäre er sicher ein Favorit für einen Nobelpreis“, sagt Markus Müller, Rektor der Medizinischen Universität Wien, die im „Allgemeinen Krankenhaus“ residiert, wo einst Semmelweis' Arbeitsplatz war. Doch die fortschrittliche, wissenschaftliche, faktenbasierte Innovation, die in die Aufbruchszeit vor der bürgerlichen Revolution 1848 passte, fiel nach deren Scheitern der Reaktion und der Restauration der alten Sitten durch die alten Tonangeber anheim. Semmelweis' Vertrag wurde nicht verlängert, er wechselte nach Pest (heute Budapest) und kämpfte für die Durchsetzung seiner so einfachen und effektiven Methode – anfangs erbittert, bald zunehmend verbittert. Kollegen, die sich nicht überzeugen lassen wollten, beschimpfte er als Mörder. Nur wenige folgten ihm. Zu ihnen gehörte der Kieler Gynäkologe Adolf Michaelis. Er reduzierte die Sterberate in seinem Haus ebenfalls auf nahe null. Weil er aber zuvor jahrelang Patientinnen nach althergebrachter Art untersucht, infiziert und so dem Tode geweiht hatte, fühlte er sich trotzdem als Mörder und beging deshalb (soweit bekannt) 1848 Selbstmord.

Antibiotika-Resistenzen machen Handhygiene wieder wichtiger

Auch Semmelweis brachte seine Innovation kein Glück mehr. Ob er wirklich psychisch krank wurde oder aufgrund einer Intrige von Kollegen 1865 in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde, ist umstritten. Die Ursache seines Todes zwei Wochen danach ebenfalls. Schicksalhaft passend wäre die Version, dass Semmelweis sich in der Anstalt eine Wunde zuzog und an Blutvergiftung starb.

Wie viele Frauenleben die Ignoranz der Kollegen kostete, wie viele Kinder sie zu Halbwaisen machte, lässt sich kaum abschätzen. Einer der Gründe, warum Semmelweis' Methode sich nicht durchsetzte, war wohl, dass dort, wo sie angewandt wurde, die Ärzte oft schlicht zu nachlässig waren, sich also nicht gründlich genug die Hände wuschen. Ironischerweise führten Semmelweis' Gegner solche Beispiele als Nachweis an, dass die Methode nichts tauge. Und selbst von jenen, die später, als dann auch Bakterien als Erreger von Krankheiten bekannt waren, zu Vorreitern der Infektionsmedizin wurden, bekam Semmelweis keine Unterstützung. Rudolf Virchow etwa, selbst März-Revolutionär, lehnte das Konzept ab. Wenige Jahre nach dem Tod Semmelweis' begannen Chirurgen – nachweislich auf Basis von dessen Schriften – OP-Tische mit Mikroorganismen abtötenden Mitteln zu behandeln. Aber es dauerte noch Jahre, bis die Semmelweis-Hygiene auch wieder auf Geburtsstationen ankam.

Gegenwärtig – und auch angesichts der Tatsache, dass sich immer mehr Antibiotika-Resistenzen bilden und verbreiten – erleben Handhygiene und -desinfektion eine Renaissance (siehe Interview mit Petra Gastmeier, Charité). Tatsächlich müsse man gezwungenermaßen nun in gewisser Weise „zurück in die präantibiotische Ära, eine Zeit, in der Infektionsprävention Priorität hatte“, sagte etwa Lizette Burgers, Hygienespezialistin des UN-Kinderhilfswerks Unicef, kürzlich in einem Interview. Handhygiene gilt nicht nur als bestes Mittel, die Verschleppung von Erregern, ob resistent oder nicht, im Krankenhaus und in der Arztpraxis zu vermeiden, sondern hilft nachweislich auch dabei, sich im täglichen Leben weniger Infekte einzufangen.

In Zehntausenden von Kliniken fehlt die nötige Hygiene

Ärzte, die an der Wirksamkeit zweifeln, dürfte es heute kaum noch geben. Trotzdem gehört fehlende Handhygiene in unzähligen Kliniken weltweit nach wie vor zu den größten Problemen. Eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie zeigte etwa, dass die Hälfte von 130.000 evaluierten Einrichtungen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Wohlstand keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Leitungswasser hatte. Bei 40 Prozent war die Seife knapp. Auch Desinfektionsmittel fehlten häufig. Sicher können Antibiotika, die inzwischen fast überall auf der Welt billig genug zu haben sind, in solchen Situationen Leben retten. Allerdings fördert jeder unnötige Einsatz dieser Mittel die Verbreitung von Resistenzen.

Anlässlich Semmelweis' 200sten Geburtstags fragt sich, welche die größere Ironie ist – die damalige Ignoranz gegenüber den Erkenntnissen des jungen ungarischen Arztes oder das Fehlen von Wasser und Seife in Zehntausenden Kliniken heute.

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