Themenschwerpunkt Alternativmedizin : Große Nachfrage, kaum Nachweise

Wirken alternativmedizinische Verfahren wie Homöopathie wirklich? Dafür fehlen fast immer ausreichende Belege. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Aus der Mistel gewonnene Substanzen gehören zu den in der ergänzenden Krebstherapie meistverwendeten Pflanzen-Arzneien.
Aus der Mistel gewonnene Substanzen gehören zu den in der ergänzenden Krebstherapie meistverwendeten Pflanzen-Arzneien.Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Kontroverse um Sinn, Wirksamkeit und Gefährlichkeit von nicht ausreichend erforschten Naturheilverfahren und von Homöopathie flammt immer wieder auf. Jüngster Aufreger war die lange auf einer Charité-Website stehende, jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrende Behauptung, die Wirksamkeit von Homöopathie sei belegt. Die Meinungen gehen auseinander, nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch innerhalb der Ärzteschaft. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Was ist Alternativmedizin?

Es gibt keine klare Definition. Zur Alternativmedizin werden so unterschiedliche Ansätze wie Homöopathie, Ayurveda, Osteopathie, Entspannungstechniken und Traditionelle Chinesische Medizin gezählt. Im Allgemeinen werden Medikamente und diagnostische sowie therapeutische Verfahren unter diesem Begriff zusammengefasst, die nicht Teil der konventionellen „westlichen“ klinischen Medizin sind und für deren Wirksamkeit jenseits eines Placeboeffektes es keine klaren Belege aus rigorosen Studien gibt. Solche Studien müssen unter anderem an mehreren Forschungszentren stattfinden, mit Placebo behandelte Kontrollgruppen enthalten und von Forschern ausgewertet werden, die nicht wissen, welcher Patient mit Placebo und welcher mit Wirkstoff behandelt wurde.

Tatsächlich sind aber auch viele Verfahren, die zur konventionellen oder "Schulmedizin" gehören, nicht in ihrer Wirksamkeit und Überlegenheit gegenüber anderen Methoden durch solche Studien belegt. Dazu gehören so verbreitete Prozeduren wie Blinddarmoperationen, bei denen jüngere Studien, etwa von der Astrid-Lindgren-Kinderklinik der Karolinska-Universität in Stockholm, nahelegen, dass sie viel zu häufig durchgeführt werden.

Warum werden alternativmedizinische Verfahren nicht genauso in Studien getestet wie neue Medikamente aus der pharmazeutischen Industrie?

Solche Testverfahren sind aufwendig und extrem teuer. Sie lohnen sich bei Mitteln, für die es keinen Patentschutz geben kann, weil sie beispielsweise schon lange auf dem Markt sind, betriebswirtschaftlich nicht. Trotzdem gibt es immer wieder – meist kleinere – Studien, in denen alternativmedizinische Verfahren auch im Vergleich mit Personen, die Placebo bekommen, getestet werden. Hier gibt es teilweise Hinweise auf tatsächliche Wirksamkeit, oft aber auch nicht. Sogenannte Meta-Studien, die alle verfügbaren Untersuchungen zusammentragen und deren jeweilige Qualität bewerten, zeitigen sehr häufig das Ergebnis, dass die Wirksamkeitsnachweise unzureichend sind. Trotzdem können solche Mittel von Ärzten eingesetzt werden, und viele Patienten sind von der Wirkung überzeugt.

Warum ist der Einsatz von Alternativverfahren ein Problem? Man sagt doch „Wer heilt, hat recht.“

Wichtig ist, dass Patienten über den tatsächlichen wissenschaftlichen Stand aufgeklärt und ihnen zugunsten solcher Verfahren keine nachgewiesenermaßen wirksamen Therapien vorenthalten werden. Sogenannte Alternativmedizin gerät vor allem dadurch immer wieder in Verruf, dass einzelne Ärzte, Heilpraktiker oder auch andere Anbieter solche Wirksamkeit versprechen und Patienten daraufhin auf Verfahren, die nachweislich höhere Chancen auf Heilung oder Linderung bieten, verzichten.

Was ist der Unterschied zwischen Pflanzenheilkunde und Homöopathie?

In der Homöopathie werden Substanzen stark verdünnt. Diese können aus Pflanzen extrahiert, aber auch mineralisch sein. In der Pflanzenheilkunde kommen pflanzliche Stoffe konzentriert oder zumindest weniger stark verdünnt zum Einsatz. Selbst zwischen "Schulmedizin" und Pflanzenheilkunde sind die Übergänge fließend. Zahlreiche etablierte Medikamente beruhen noch heute auf pflanzlichen oder pflanzenidentischen oder -ähnlichen Wirkstoffen, von Aspirin über Digitalis-Herzmedikamente bis hin zu Krebstherapeutika wie Taxol. Die Pflanzenheilkunde, die der Alternativmedizin zugerechnet wird, nutzt Substanzen, deren Wirksamkeit nicht oder nicht ausreichend nachgewiesen ist und für die auch Untersuchungen zu Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten meist weitgehend fehlen. Häufig entstammen diese Mittel volksmedizinischen Traditionen, sowohl aus Europa als auch aus anderen Teilen der Welt.

Ist Homöopathie immer und auf jeden Fall wirkungslos?

Eine echte, direkte physiologische Wirkung von etwas, das so hoch verdünnt ist, dass kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr darin vorkommt, ist bislang nirgends wissenschaftlich nachgewiesen. Sie ist auch naturwissenschaftlich nicht plausibel. Homöopathische Mittel gelten bei jenen Experten, die naturwissenschaftlich denken, vor allem als "Super-Placebos". Wenn sie "wirken", dann nur oder vor allem, weil der Therapeut oder die Therapeutin sich dem Patienten sehr intensiv zuwendet und Patient oder Patientin an die Wirkung des Mittels und der Gesamtbehandlung glauben. (siehe aber Frage: Gibt es nur eine Art Homöopathie?)

Nicht unwichtig ist, dass hochverdünnte homöopathische Mittel keine Nebenwirkungen haben. Diese Tatsache war höchstwahrscheinlich mitentscheidend dafür, dass die Methode früher viele Anhänger fand. Denn zu der Zeit, als die moderne Medizin und Chirurgie sich etablierten, waren Nebenwirkungen, etwa von Arsen oder Quecksilber, aber auch Begleiterscheinungen wie in Kliniken übertragene Infektionen, massive und bei Kranken gefürchtete Probleme.

Homöopathie-Globuli: Ihre Wirkung beschränkt sich auf den Placeboeffekt.
Homöopathie-Globuli: Ihre Wirkung beschränkt sich auf den Placeboeffekt.Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Warum bezahlen fast alle Krankenkassen Homöopathie?

Eigentlich reicht hier die knappe Antwort: weil die Patienten es so wollen. Gesetzliche Krankenkassen sind zwar Körperschaften des öffentlichen Rechts, stehen aber auch in wirtschaftlicher Konkurrenz zueinander und zu privaten Krankenversicherungen. Und sie haben Freiheiten. Der Gesetzgeber überlässt es ihnen bislang, selbst zu entscheiden, ob sie Kosten für "Behandlungsmethoden, Arznei- und Heilmittel der besonderen Therapierichtungen" übernehmen oder nicht. Und weil viele Patienten diese Leistungen nachfragen, haben die allermeisten gesetzlichen Kassen entschieden, homöopathische Therapien zu bezahlen.

Gibt es nur eine Art Homöopathie?

In Studien wird meist kein Unterschied gemacht. Doch eigentlich gibt es zwei sich grundsätzlich unterscheidende Varianten von Homöopathie: Die erste ist völlig oder fast völlig wirkstofffrei, nutzt also hohe Verdünnungen, hier "Potenzen" genannt (siehe oben). Bei der zweiten kommen niedrigere Verdünnungen zum Einsatz. In den Globuli oder Tropfen ist also Wirkstoff nachweisbar. Hier wird auch oft mit Kombinationen zweier oder mehrerer verdünnter – aber eben nicht verschwindend verdünnter – Substanzen gearbeitet, die einander angeblich in der Wirkung unterstützen. Diese weniger stark verdünnten homöopathischen Mittel könnte man also auch als niedrig dosierte pflanzliche Mittel bezeichnen. Ob sie wirklich eine physiologische Wirkung haben, oder ob auch bei ihnen die Wirkung komplett oder vor allem auf dem Placeboeffekt beruht, ist weitgehend unerforscht. Solche Wirkungen niedrig dosierter Substanzen sind aber naturwissenschaftlich plausibel und jenseits der Homöopathie auch nachgewiesen. Sie werden "Hormesis" genannt.

Wie soll etwa bei Kleinkindern ein Placeboeffekt funktionieren?

Das Argument, Kleinkinder wüssten ja nicht, dass die Pille, die sie schlucken, ihnen helfen soll und könnten sich deshalb auch nicht "einbilden", dass sie hilft, stimmt zwar. Aber der Placeboeffekt, oder etwas Ähnliches, kann zum Beispiel auf die Eltern wirken. Gerade wenn die Situation extrem schwierig ist und Eltern sich machtlos fühlen, überträgt sich dieses negative Gefühl höchstwahrscheinlich auf das Kind. Wird den Eltern aber vermittelt, sie könnten jetzt durchaus etwas für ihr Kind tun, im Sinne von: "Geben Sie das hier Ihrem Kind – es ist homöopathisch, schadet nicht, hat keine Nebenwirkungen – alle halbe Stunde, aber ganz langsam und behutsam und mit viel Zuwendung", dann haben die Eltern eine Aufgabe, eine Routine, einen Grund, sich jenseits von Ratlosigkeit und Verzweiflung dem Kind zuzuwenden. Das könnte wiederum dem Kind helfen, ist aber schwer nachzuweisen.

Wie verbreitet sind andere alternative Verfahren wie Akupunktur und Osteopathie?

Akupunktur zählt zur Traditionellen Chinesischen Medizin. Ihre Verfechter gehen davon aus, dass eine Lebensenergie existiert, die auf bestimmten Leitbahnen den Körper durchfließt und mit ihren Anteilen Yin und Yang alle Körperfunktionen beeinflusst. Krankheiten sind nach dieser Theorie die Folge eines gestörten Gleichgewichts der Energieanteile. Mit Nadelstichen an definierten Punkten soll das Gleichgewicht wiederhergestellt werden. Osteopathie hat eher westliche Wurzeln. Sie geht zurück auf das manuelle Einrichten und Einrenken von Knochen und Gelenken. Wie viele Menschen in Deutschland Akupunktur und Osteopathie in Anspruch nehmen, ist unbekannt. Das liegt auch daran, dass die Methoden in den allermeisten Fällen privat bezahlt werden müssen und daher nicht offiziell und zentral gezählt werden. Lediglich aus zwei Gründen können Ärzte seit 2007 Akupunktur als Kassenleistung verschreiben: bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und der Kniegelenke.

Forscher gehen aber davon aus, dass etwa die Hälfte der erwachsenen Deutschen in den letzten Jahren mindestens eine Methode der Alternativmedizin ausprobiert hat. Dazu gehören neben Akupunktur, Osteopathie und homöopathischen und Naturheilmitteln zahlreiche andere Ansätze. Diese werden oft nicht von Ärzten, sondern etwa von Heilpraktikern und anderen Dienstleistern angeboten. Nicht selten reisen Personen ins Ausland, um entsprechende Kuren zu absolvieren, etwa zu Schamanen in Lateinamerika oder zu Ayurveda-Kliniken in Fernost.

Sind Alternativmedizin und Schulmedizin vereinbar?

Sie schließen einander nicht aus. Dazu gehört, dass man als Diagnostiker und Therapeut Patienten keine nachgewiesen wirksamen Verfahren zugunsten von „Alternativen“ vorenthalten darf. Die Sicht, dass man ihnen ergänzende Verfahren, deren Wirkung jenseits eines Placeboeffekts nicht oder unzureichend nachgewiesen ist, aber auch nicht vorenthalten sollte, vertreten viele Mediziner jedoch ebenfalls. Sie berichten auch oft von positiven Erfahrungen. Eines der Hauptargumente ist, dass der Placeboeffekt oft eben ein sehr starker Effekt sei.

Ein anderes Argument, das oft angeführt wird, ist, dass solche Verfahren zumindest nicht schaden. Das jedoch ist nicht immer so. Die populäre Misteltherapie bei Krebs etwa kann durchaus Nebenwirkungen haben, auch über eine mögliche Abschwächung der Wirkung von konventionellen Therapien wurde berichtet. Zudem ist eine Immunstimulation durch Mistelpräparate bei manchen Krebsarten sogar sehr kontraproduktiv. Insgesamt sind solche Wechselwirkungen zwischen konventionellen und ergänzenden Wirkstoffen zu wenig erforscht. Trotzdem steigt die Akzeptanz solcher Ansätze auch bei Schulmedizinern. Als Schlüsselereignis hierfür gilt die Publikation des Buches "Gemeinsam gegen Krebs", geschrieben von dem Naturheilarzt Gustav Dobos und dem Onkologen Sherko Kümmel 2011. Mediziner, die auf diesem Gebiet arbeiten, sprechen deshalb lieber von "Komplementär-" oder "integrativer Medizin".

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