„200 Fieberthermometer, bitte!“ : So verändert das Coronavirus schon jetzt Berlin

Kein Knuddeln mehr in der Kita, Galgenhumor in der U-Bahn, Run auf Desinfektionsmittel: In Berlin ist das Coronavirus auch ohne Infektionsfälle präsent.

Tagesspiegel-Autoren
In vielen Drogeriemärkten werden Desinfektionsmittel knapp.
In vielen Drogeriemärkten werden Desinfektionsmittel knapp.Foto: Christian Charisius/dpa

Noch gibt es in Berlin und Brandenburg keinen bestätigten Infektionsfall, und doch verändert das Coronavirus bereits die Stadt: Menschen decken sich mit Desinfektionsmittel ein, tätigen Hamsterkäufe, verweigern den Handschlag. Unternehmen treffen Vorkehrungen. Wie die Stadt sich vorbereitet.

Knuddeln verboten

Freitagfrüh in einer Kita in Berlin-Mitte. Wie jeden Morgen laufen die ankommenden Kinder voller Wiedersehensfreude auf ihre Erzieherin zu. Doch statt wie sonst die Arme weit auszubreiten, hebt die nur die Hände und sagt entschuldigend: „Wir wurden vom Träger angewiesen, nicht mehr zu knuddeln!“

Sie darf die Kinder weder zur Begrüßung noch zum Trost auf den Schoß oder in den Arm nehmen. Irritation bei den Älteren – Tränen bei den Jüngsten: Eine Übergabe ohne Körperkontakt? Das können Mitarbeiter und Eltern den Ein- bis Zweijährigen aus der Krippengruppe nicht verständlich machen. (Esther Kogelboom)

Panik vor der Panik

Wenn in der Stadt Angst umgeht, ist Mazda Adli einer der ersten, der es mitbekommt. Der Psychiater ist Stressforscher an der Charité und Chefarzt der Fliedner Klinik am Gendarmenmarkt. In der vergangenen Woche haben sich in der dortigen Ambulanz mehrere Menschen gemeldet und um psychologische Behandlung gebeten – aus Angst vor dem Coronavirus. „Die Menschen waren hellauf in Panik“, sagt Adli.

Adli spricht von „einer Angstspirale, die im Kopf entsteht und in keinem Verhältnis zur wahren Bedrohung steht“. Das Coronavirus sei zwar durchaus eine konkrete Gefahr, komme aber sehr abstrakt daher. „Solch ein schwer einschätzbares Risiko führt wiederum zu Angst und Stress“, sagt Adli. „Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit sind die Eigenschaften, die einen Stressor besonders bedrohlich und belastend wirken lassen.“

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Zur Angst trage letztlich auch die große mediale Präsenz des Themas bei, dadurch verstärke sich das Gefühl, das Gefühl etwas Unheilvolles stehe bevor. „Natürlich brauchen wir eine gute und verlässliche Berichterstattung“, sagt Adli, es gebe aber unterschiedliche Arten, über das Virus zu berichten. „ Alarmierende Newsticker im Fernsehen halte ich für psychologisch völlig ungeeignet.“

Gedränge in der U-Bahn, Menschenmengen beim Einkaufen – angesichts der Ansteckungsgefahr wirkt die Großstadt Berlin wegen ihrer hohen sozialen Dichte auf viele Menschen bedrohlich. Laut Adli ist das allerdings – „ganz nüchtern betrachtet“ – eine Fehleinschätzung: „Die Gesundheitsversorgung und die Behandlungsmöglichkeiten sind in einer Großstadt wie Berlin auch sehr viel besser als in ländlichen Regionen.“

Für Menschen, die merken, dass sie die Angst vor dem Virus übermannt, hat der Psychiater einen Rat: sich informieren, mit Freunden oder Angehörigen sprechen, oft helfe es schon, eine andere Perspektive zu bekommen. „Es besteht kein Grund zur Panik. Es besteht kein Grund, zuhause zu bleiben", sagt er. Sorgen macht sich Mazda Adli trotzdem. „Es ist ganz wichtig, den Menschen die Angst zu nehmen. Die Angst halte ich zurzeit für genauso gefährlich wie die Infektion selbst.“ (Lars Spannagel)

Hintergrund über das Coronavirus:

Schützende Schätze

In einer Drogerie in Schöneberg eilt um zehn Uhr morgens ein älterer Herr mit langen grauen Haaren durch die Gänge. „Ich brauche Hilfe, ich brauche Hilfe“, brüllt er fast. „Desinfektionsmittel, dringend!“ Schon am Vortag habe er versucht, welches aufzutreiben, fand jedoch nur leere Regale vor. Ein Verkäufer will ihn beruhigen. Gerade erst sei Nachschub eingetroffen.

Zusammen gehen sie zu den Hygieneartikeln. Doch der Anblick der Verkaufsfläche überrascht selbst den Mitarbeiter. Drei Fläschchen sind noch übrig. „Vor zehn Minuten waren hier noch drei randvolle Körbe“, sagt er. Der ältere Herr schnappt sich die Reste. Für einen Moment hält er sie wie einen Goldschatz in Händen, dann drängelt er sich zur Kasse.

Der Verkäufer bleibt zurück: „Leute fragen mich schon, ob im Notfall auch Fensterputzmittel gegen Corona schützt“, erzählt er. Tut es nicht. Er kann nur den Ratschlag geben, möglichst direkt nach Ladenöffnung zu kommen. (Markus Lücker)

Bockwürstchen als Bollwerk

Beim Edeka-Laden an der Truman-Plaza in Zehlendorf ist am Donnerstag auch der Zucker ausverkauft, im Nudelregal klaffen riesige Lücken, im Reissortiment wartet nur noch der Naturreis auf Käufer, selbst bei den Kichererbsen ist das Angebot mächtig dezimiert. „Das sind Panikkäufe“, sagt eine Kundin, „Sie hätten mal gestern hier sein sollen, da gab es kaum noch Tiefkühlkost“. Gefragt ist Haltbares.

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Zehn Flaschen Apfelschorle im Einkaufswagen, fünf Pizzen. Frisches Zeug gibt es dagegen reichlich: Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch, Käse, alles da. Die Menschen kaufen gegen die Angst an. Ist es die Sorge vor Quarantäne oder sind es die Bilder aus Mailand mit den leer gekauften Supermärkten, die den Drang zum Hamstern befeuern? Bockwürstchen als Bollwerk gegen die Bedrohung.

Die Angestellten räumen tapfer gegen die Panik an und versuchen, die Regale wieder zu füllen. Noch scheint es Nachschub zu geben. (Heike Jahberg)

Die Frage aller Fragen

Wo geht´s zum Gate, wo zur Bushaltestelle, zur Toilette, zum Zoll, zum Taxistand? Das sind die Fragen, die ihr gestellt werden. Die Frage, die sie sich selbst stellt, lautet: Wie lange gehe ich noch zur Arbeit? Monica Kuzmanova (Name von der Redaktion geändert) arbeitet im Schichtdienst am Flughafen Tegel, für elf Euro die Stunde.

Als „Terminalservicekraft“ spricht sie im Schnitt mit 300 Menschen am Tag. „Ich weiß, dass ich besonders ansteckungsgefährdet bin“, sagt sie. Um Reisegruppen aus China mache sie vorsichtshalber einen Bogen, wenn jemand huste, drehe sie sich weg. „So reagieren viele.“

Vor drei Wochen hat Kuzmanovas Arbeitgeber, der Berliner Dienstleister Gegenbauer, Mundschutz-Masken und Einweghandschuhe an die Mitarbeiter am Flughafen verteilt. Seither tragen viele ihrer Kollegen die Masken, auch viele Fluggäste versuchen, sich so vor einer Infektion zu schützen. „Die Leute haben Angst“, sagt Kuzmanova.

Sie selbst hat bisher auf den Schutz verzichtet. „Ich habe gedacht, so lange es keine Corona-Fälle in Deutschland gibt, ist das Risiko nicht so hoch.“ Jetzt aber mache sie sich ernsthaft Sorgen um ihre Gesundheit. „Ich weiß nicht, was ich tue, wenn das Virus in Berlin ausbricht. Ich glaube nicht, dass ich dann einfach weiter zur Arbeit gehe.“ Wahrscheinlich werde sie sich erst einmal krank melden. (Stephan Haselberger)

Heimkehrer auf Abstand halten

Endlich schlurft er durch die roten Schiebetüren. Die Atemmaske hat er unters Kinn gezogen, er zieht einen türkisfarbenen Koffer hinter sich her. Frau Goldschmidt steht hinter dem silbernen Geländer am Gate und winkt ihrem Sohn zu.

Der 17-Jährige hat eine Woche in Mailand bei seiner Freundin verbracht. „Er hat Angst, und ich auch“, hat Frau Goldschmidt kurz vor seiner Landung gesagt. In der norditalienischen Metropole steht das Leben seit dem Virusausbruch still.

Die Neuruppinerin hat extra bei den Behörden angerufen: Muss er jetzt in Quarantäne? Nein, solange er keine Symptome zeige, sei alles gut, war die Antwort. „Ich darf ihn also mit nach Hause nehmen.“ - „Wir drücken dich mal nicht“, sagt sie zu ihrem Sohn, als er vor ihr steht.

Er hält einen Meter Abstand zu ihr und ihrem Lebensgefährten. Er und seine Freundin seien fast die ganze Zeit drinnen geblieben, erzählt er. Frau Goldschmidt will daheim erst einmal alle seine Sachen desinfizieren. Und dann? „Warten wir ab, ob er in den nächsten zwei Wochen Symptome zeigt.“ (Maximilian König)

Gründlicheres Händewaschen – darauf können sich die meisten Berliner einlassen.
Gründlicheres Händewaschen – darauf können sich die meisten Berliner einlassen.Foto: Florian Gaertner/imago images/photothek

Daten und Diagramme

Es ist kurz vor 10 Uhr am Freitag, der Elisabeth-Schiemann-Hörsaal am Institut für Pflanzenphysiologie und Mikrobiologie der Freien Universität füllt sich rasch. Gleich wird hier der zurzeit wohl gefragteste Coronavirus-Experte der Welt sprechen. Als Christian Drosten den Saal betritt, warten rund 500 Zuhörer – die meisten Studenten, ein paar Rentner sind auch dabei – auf seinen Vortrag „Wissenschaftliche Fakten zum Coronavirus“.

Am Vorabend war der Charité-Virologe im Fernsehen bei Maybrit Illner zu Gast, draußen im Foyer wartet schon das nächste Kamerateam. Drosten ist der Mann, der Deutschland in diesen Tagen das Virus erklärt: wissenschaftlich, mahnend, ohne Alarmismus.

Alle seine im Vortrag präsentierten Zahlen und Berechnungen sind ausdrücklich nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Der 48-Jährige wirft per Beamer Zahlen, Daten und Diagramme an die Leinwand, erzählt vom Ausbruch der Sars-Epidemie 2002, von Schleichkatzen und Marderhunden, von denen das Virus damals in China auf den Menschen übersprang.

Dann leitet er zum neuen Virus über, betont, wie wenig verlässliche Zahlen zur Verfügung stehen. Keiner wisse zum Beispiel genau, wie viele Ansteckungen es im Iran gebe, das sei aber entscheidend, um die Rate der Todesfälle zu berechnen.

Drosten spricht über Halskratzen und Husten, alltäglich wirkende Symptome. „Die Menschen bleiben damit nicht zuhause, sondern gehen weiter zur Arbeit“, sagt er. „Das passiert jetzt in Deutschland, das passiert überall.“ Zum Ende seines Auftritts stellt Drosten ein paar „informierte Spekulationen“ an: So könnte die Verbreitung des Virus im Sommer abgebremst werden – und dann im Herbst noch schneller voranschreiten.

Bevor er zum nächsten Termin weiterhetzt, sagt er nur halb im Scherz: „Wenn Sie sagen: ,Ah, Drosten ist dieser Typ, der über alles Bescheid weiß' – ich weiß gar nichts.“ (Lars Spannagel)

Endlich impfen

In Steglitz betreibt Internistin Irmgard Landgraf eine Hausarztpraxis in unmittelbarer Nachbarschaft eines Pflegeheims. „Weil ich viele alte und multimorbide Patienten habe, bin ich sehr dahinterher, dass die sich gegen Grippe, Keuchhusten und Lungenentzündung impfen lassen.“ Gegen das Coronavirus kann man nicht impfen – aber Lungenentzündung ist nicht selten die Komplikation einer viralen Atemwegserkrankung und endet im Alter schnell tödlich.

„Wir haben in dieser Woche viel mehr geimpft als sonst“, sagt Landgraf und ist froh darüber. „Nun überzeuge ich endlich auch die Skeptiker. Wenn ich von der drohenden Pandemie spreche, lassen auch sie sich impfen.“

An ihrer Praxistür hat sie ein Schild angebracht. Wer akut krank ist, soll Bescheid sagen – und wird vorgezogen. „Dadurch verlängert sich die Wartezeit für die übrigen Patienten. Aber dafür sitzen die Akutpatienten nicht hustend im Wartezimmer und stecken die anderen an.“

Nach Möglichkeit sollen sie vor der Sprechstunde kommen, ab nächster Woche will Landgraf eine Infektionssprechstunde einführen. „Ich denke, es ist eine gute Strategie, damit alle Rücksicht nehmen können. Ganz unabhängig vom Coronavirus.“ (Maris Hubschmid)

Video
Videografik: So wird das Coronavirus übertragen
Videografik: So wird das Coronavirus übertragen

Im falschen Film

Auf der Berlinale ist das Coronavirus bisher nur in vielen Gesprächen rund um die Festivalkinos präsent. Allerdings hängen auf sämtlichen Toiletten der teilnehmenden Kinos große Zettel aus, welche die Besucherinnen und Besucher zur Hygiene mahnen. „Die 10 wichtigsten Hygienetipps“ zur Vorbeugung von Infektionen werden erklärt, gesammelt von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

„Regelmäßig Hände waschen, Hände gründlich waschen, Hände aus dem Gesicht fernhalten, richtig husten und niesen, im Krankheitsfall Abstand halten, Wunden schützen, auf ein sauberes Zuhause achten, Lebensmittel hygienisch behandeln, Geschirr und Wäsche heiß waschen, Regelmäßig lüften.“

In den Waschräumen der Kinos gibt es Desinfesktionsseife, die auch rege genutzt wird. Die Vorführungen und Empfänge sind voll wie jedes Jahr. Im Publikum gibt es bislang nur vereinzelte Besucher, die Atemmasken tragen. (Robert Ide)

Galgenhumor in der U-Bahn

In der wieder mal krachend vollen U6 läuft die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts, einen Abstand von ein bis zwei Metern zur nächsten Person zu halten, über den Bildschirm. Dezente Heiterkeit – oder ist es schon Galgenhumor? – erfüllt den Waggon. „Dett schaffste in Berlin nichmal uff`m Gehweg“ ruft ein Mann: „Und hier in der U-Bahn kriegste ja nichmal den Ellbogen hoch, um reinzuniesen.“ (Sandra Dassler)

Ritual ist Ritual

Basketball ohne High Fives? Unvorstellbar. Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen mitzuzählen, wie oft sich Spieler, Trainer und sonstige Beteiligte am Donnerstagabend in der Arena am Ostbahnhof bei Alba Berlins 86:99-Niederlage gegen Anadolu Istanbul abklatschen und die Hände schütteln. Ritual ist eben Ritual. Guten Tag, Herr Schiedsrichter – Handschlag. Schön gemacht, Kollege – Handschlag. Weiter so, Jungs – Handschlag.

Beim Eishockey sieht das ein bisschen anders aus. Dort sollen die Profis am Wochenende auf das obligatorische Händeschütteln nach dem Spiel verzichten. Eine kurzfristige Maßnahme, die die Deutsche Eishockey-Liga nach der Ausbreitung des Coronavirus ergriffen hat – gültig auch für das Heimspiel der Eisbären Berlin gegen Düsseldorf am Freitag.

Ansonsten verfolge man die Lage genau und richte sich nach den örtlichen Behörden, heißt es von Seiten der Liga. Fußball-Bundesligist 1. FC Union verweist vor seinem Heimspiel am Sonntag gegen den VfL Wolfsburg auf die Deutsche Fußball-Liga. Die erwartet keine Auswirkungen auf den Spieltag. (Leonard Brandbeck)

Das Kreuz mit der Kreuzfahrt

An der Bushaltestelle Röblingstraße/Arnulfstraße unterhalten sich zwei Frauen: „Mein Mann und ich wollten demnächst eine Kreuzfahrt machen“, erzählt die eine. „Die haben uns jetzt Erklärungen zugesendet, auf denen wir unterschreiben sollen, dass wir nicht selbst infiziert sind und keinen Kontakt zu den Infizierten hatten.

Aber wer kann das schon mit Bestimmtheit wissen. Unser Enkel war kürzlich zu Besuch, der ist Pilot...“. Die andere Frau beruhigt: „Das muss man nur nach bestem Glauben und Gewissen machen“, sagt sie.

„Die Schifffahrtgesellschaften wollen sich nur selbst absichern. Unsereiner kann das nicht. Ich war in den Ferien in Norditalien und will nächste Woche zu meiner alten Mutter fahren, die ich nicht anstecken möchte. Aber so einen Test kann ich nur machen, wenn ich mit einem Infizierten Kontakt hatte. Ich wäre gern auf Nummer Sicher gegangen.“ (Sandra Dassler)

Zwei Meter Abstand

Freitagmittag tritt ein junger Mann aus der Notaufnahme der Berliner Charité. Eine sehr professionell anmutende Mundschutzmaske bedeckt weite Teile seines Gesichts, der Rest wird von einer Kapuze verhüllt. Nur ein kleiner Spalt für die Augen ist noch frei. Als man ihn anspricht, schreckt er zurück: „Weg! Zwei Meter Abstand halten“, sagt er und weicht fast ganz auf die andere Seite der Krankenhausauffahrt zurück.

Er komme gerade vom Coronavirus-Test. Während einer Reise nach Süddeutschland habe er Kontakt mit einem Infizierten gehabt. Zumindest vermutet er, dass die Person infiziert gewesen sein könnte. Absolut sicher sei er sich nicht, aber bei einem Telefonat mit der Hilfshotline der Senatsverwaltung für Gesundheit habe man ihm zur Untersuchung geraten.

„Ich habe Angst“, sagt er. Nicht direkt vor den gesundheitlichen Folgen, sondern vor der gesellschaftlichen Stigmatisierung, als krank zu gelten. Deshalb wolle er auch seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Durch eine Infizierung könnte ich meine zwei Jobs verlieren.“ Im Krankenhaus habe man ihn direkt von den anderen im Wartesaal isoliert. Ohne großes Aufsehen. Die Charité habe ihm versprochen, dass er seine Testergebnisse noch am Abend bekommen solle. Bis dahin müsse er nun warten. (Markus Lücker)

Durch die Betten husten

Im Prenzlauer Generator Hostel, mit seinen 900 Betten Schlaf- und Begegnungsstätte von Touristen aus aller Welt, ist das Coronavirus nicht mehr als ein Scherz. „Corona?“, fragt ein junger Mann in der Hostel-Lounge. Er spricht kein Englisch, aber „Corona“ versteht er. Er dreht sich feixend weg und tut so, als ob er hustet.

Auch am Empfang sind sie tiefenentspannt. „It's like the flu, isn't it?“, fragt der Israeli Gilad hinter einem schwarzen Tresen. Corona sei nicht schlimmer als eine Grippe. Und überhaupt: „Die meisten Gäste sind unter 30. Wenn du nicht 80 oder krank bist, ist Corona doch kein Problem.“ Besondere Sicherheitsvorkehrungen gebe es im Generator nicht.

Die Gäste teilen Gilads Meinung. Jean-Luc lümmelt auf einem Sofa, seine Füße auf dem Couchtisch. „Besorgt bin ich nicht – vielleicht sollte man es aber sein“, sagt er und lacht. Die meisten Gäste übernachten in Zimmern mit bis zu acht oder 14 Betten. „Doch, ein Amerikaner in meinem Zimmer ist echt besorgt“, sagt Shahid aus Indien.

„Aber der ist auch 45.“ Am Kickertisch zockt eine Gruppe aus Spanien. „Corrrona?“ Auch sie drehen sich kollektiv weg und husten. Miguel grinst. „No problem, all of us are young.“ (Maximilian König)

Schnell entscheiden, richtig entscheiden

Die „Botschaft Nummer eins“ von Rajan Somasundaram, Leiter der Zentralen Notaufnahme der Charité am Campus Benjamin Franklin, an die versammelten Ärzte, die sich im Langenbeck-Virchow-Haus in Mitte über das Coronavirus informieren, ist: „Schicken sie bitte nie einen Patienten in die Notaufnahme, bei dem sie den Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion haben, der aber eigentlich klinisch nicht wesentlich krank ist."

So gut Notfallaufnahmen in Deutschland organisiert sind – 20 Millionen Patienten, jeder vierte Bundesbürger, werden dort jedes Jahr behandelt – wären die Ärzte dort überlastet, wenn jeder Besorgte dort auflaufen würde. Wie etwa eine junge Frau, die sich drei Tage nach Rückreise aus China in Sumasundarams Notfallstation vorstellte. Sie sei zwei Wochen vorher in China leicht erkrankt. Sie war in keinem ausgewiesenen Risikogebiet. Ein Anruf bei der Hotline ergab, dass kein Test nötig sei und sie sich gegebenenfalls mit dem Arbeitgeber abstimmen solle – und der schickte sie prompt in die Notaufnahme.

Ein Zettel an einer Berliner Apotheke
Ein Zettel an einer Berliner ApothekeFoto: Janine Schmitz/imago images/photothek

„Das ist halt so“, sagte der Arzt achselzuckend und stellt seine Frage an die versammelte Ärzteschaft: „Wer würde diese Frau testen, wer schickt sie nach Hause?“ Gemurmel im Raum. „Wissen Sie, in der Notfallmedizin müssen sie sehr schnell entscheiden…“ Und diese Ersteinschätzung, die in der Regel nur zwei bis vier Minuten dauern soll, sei entscheidend. „Wenn wir es verpassen, die richtige Diagnose zu stellen, dann würden wir womöglich einen hochinfektiösen Patienten ins Krankenhaus einschleusen.“

Ist dann ein Patient als möglicherweise infektiös identifiziert, müsse „ganz klar“ strukturiert sein, was dann passiert, wo er isoliert wird, wer sich kümmert, dass die Labordiagnostik Priorität hat. Denn „jede Verzögerung der Weitergabe der Patienten auf die Stationen raubt Zeit bei der Neuaufnahme von Patienten“, sagte Somasundaram. Es brauche ein ganzes System, um ein Menschenleben zu retten.

Somasundaram sagt, man dürfe sich nichts vormachen: „Wir können nicht alle Probleme lösen. Vielmehr sei von allen Medizinern nun gefordert, über ihre Grenzen hinwegzudenken. „Das macht den Beruf des Arztes aus.“

Die China-Rückkehrerin habe man auf der Station übrigens dennoch getestet. „Und wir haben sie sogar in Quarantäne geschickt, weil sie in ihrem Beruf mit vielen anderen Menschen in Kontakt kommt.“ Infiziert? War sie nicht. (Sascha Karberg)

200 Fieberthermometer, bitte

Dass viele Menschen nach Atemschutzmasken fragen, nach Desinfektionsmitteln oder nach frei verkäuflichen Arzneimitteln gegen Grippe und Erkältungen – daran haben sich Berlins Apotheker inzwischen gewöhnt. Selbst der Kauf von großen Mengen an Einmal- beziehungsweise Wegwerfhandschuhen überrascht sie nicht mehr.

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Nur als eine junge Frau in einer Wilmersdorfer Apotheke Fieberthermometer erwerben will, glaubte die Angestellte zunächst an ein Missverständnis. Und fragt nach: "Wie viele wollen Sie?" Die junge Frau bleibt dabei: "200 Stück, wenn Sie haben." Erstaunen. "Ich bin aus China, die schicke ich alle nach Hause." (Sandra Dassler)

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