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Simon Lütgemeyer hat die Geschichten der ehemaligen jüdischen Bewohner:innen der Käthe-Niederkirchner-Straße 35 auf der Webseite kaethe35.de zusammengetragen und das Projekt der stillen Klingeltafel initiiert.
© Gerd Nowakowski

Biographie eines Hauses in Berlin-Pankow: Stumme Klingeltafel mahnt

Der Architekt Simon Lütgemeyer hat die Erinnerung an jüdische Hausbewohner:innen gerettet. Über die Suche nach einer entsorgten Vergangenheit.

Die sepiafarbene Foto-Postkarte zeigt ein bürgerliches Haus mit schön ziseliertem Putz; im Erdgeschoss ein Geschäft für Seifen. Ein Haus zum Wohlfühlen, mitten im Bötzowkiez in Prenzlauer Berg. Im dritten Stock steht eine Frau auf dem Balkon, das Gesicht nicht erkennbar. Simon Lütgemeyer hat vergeblich recherchiert, wer die Frau sein könnte, die dort Anfang des letzten Jahrhunderts in der Sonne steht.

Kurz nachdem der Architekt 1999 in das Haus in der Käthe-Niederkirchner-Straße 35 zog, wurde von der Fassade der Stuck abgeschlagen. Stattdessen eine glatte Oberfläche. Dass hinter dem Glattputz auch eine entsorgte Vergangenheit existiert, erfuhr er nur durch Zufall. Als im Nachbarhaus zwei Stolpersteine für ermordete jüdische Berliner:innen verlegt wurden, fragte sich Lütgemeyer, wer einst wohl in seinem Haus gelebt habe. „Das hat mich gepackt und bis jetzt nicht mehr losgelassen“, erzählt der lebhafte Mann mit der hohen Stirn.

Mit der Postkarte, die das Haus in der Käthe-Niederkirchner-Straße 35 (ehemals Lippehner Straße) zeigt, fing die Suche nach den ehemaligen Bewohner:innen an. 
Mit der Postkarte, die das Haus in der Käthe-Niederkirchner-Straße 35 (ehemals Lippehner Straße) zeigt, fing die Suche nach den ehemaligen Bewohner:innen an. 
© Postkarte/ Simon Lütgemeyer

83 Vornamen auf der Klingeltafel stehen für viele Ermordete

Für zufällige Spaziergänger:innen ist es ein Schock, wenn ihnen klar wird, dass die polierte Messingplatte mit 40 Klingelknöpfen für 40 Familiennamen und 83 Vornamen am Hauseingang für viele ermordete Berliner:innen steht: Frauen, Männer, Kinder und Senior:innen, aus allen Berufen, vom Kaufmann bis zum Schauspieler. Ein Querschnitt durch die Berliner Bevölkerung. Und doch stigmatisiert, ausgegrenzt, entehrt und schließlich ermordet. Nur wenige überlebten.

Alle jene Menschen haben einst in diesem seit 1904 dem jüdischen Kaufmann Isidor Lewy gehörenden Haus gelebt. Hier haben sie gelitten und gehofft, hier haben sie verzweifelt und vergeblich auf Ausreisevisa gewartet und von hier aus haben sie alles dafür getan, damit wenigstens die Kinder im Ausland überleben konnten. Nun erinnert seit 2019 die stumme Klingeltafel vorm Hauseingang an diese Menschen.

Die Hausnummer 35 war in der NS-Zeit ein sogenanntes „Judenhaus“. Wer weiß schon, was „Judenhäuser“ waren? Wie viele gab es in der NS-Zeit in Berlin? Haben die Nazis dafür gesorgt, dass Juden und Jüdinnen in diesen Häusern konzentriert leben mussten oder versuchten die drangsalierten Menschen, sich durch die Nähe gegenseitig beim Überleben zu unterstützen?

Vermutlich traf beides zu. Aber auch heute wird zu diesen Fragen noch geforscht. Simon Lütgemeyer, der Vater von zwei zehn- und 13-jährigen Töchtern, gehört zu einer entsprechenden Arbeitsgruppe des „Aktiven Museums“.

Es ist erstaunlich und beschämend, dass man jetzt erst nachforschen muss.

Simon Lütgemeyer

Wobei es falsch ist zu sagen, auch heute wird noch geforscht. Denn über viele Jahrzehnte nach dem Krieg wurde überhaupt nicht geforscht, sondern nur verdrängt und reingewaschen. „Ich habe mich gewundert, dass man nichts wusste“, sagt Lütgemeyer: „Es ist erstaunlich und beschämend, dass man jetzt erst nachforschen muss.“ Menschen, die in den Konzentrationslagern überlebt hatten, wurden in der Nachkriegszeit von den „Wiedergutmachungsämtern“ oft genug noch einmal gedemütigt und der Raub ihrer Wertsachen vor dem Transport ins KZ noch einmal als ordnungsgemäß gerechtfertigt.

Lütgemeyer hat auch in seinem Haus dafür Beispiele gefunden. Er kann auch erzählen, wie „Volksdeutsche“ später in die „freigewordenen“ Wohnungen einzogen. „Na, da sind die Juden ja wieder zuhause“, wurden nach Kriegsende zurückkehrende Überlebende vom Nachbarn barsch empfangen.

Die Suche nach den früheren Mieter:innen gestaltete sich anfänglich auch deshalb schwierig, weil die Straße den Namen Käthe Niederkirchner erst 1974 von der DDR zur Erinnerung an die NS-Widerstandskämpferin erhielt. Zuvor war die Lippehner Straße nach einem Ort in Ostpreußen benannt. Wer den 47-jährigen Architekten erlebt, wie er ständig aufspringt, um neue Unterlagen zu suchen oder Bilder zu zeigen, kann ermessen, mit welch großer Energie er seine Recherche vorantrieb.

Nahezu 200 Namen von Hausbewohner:innen, so erzählt der schlanke Mann, habe er über die damaligen Telefonbücher für Groß-Berlin gefunden. Doch wer war jüdischen Glaubens, wer war Verfolgte:r, wer zog einfach so weg? Immer tiefer habe er sich neben der Arbeit in einem Architekturbüro der Recherche gewidmet.

Die Schicksale rücken umso näher, je persönlicher und konkreter es wird.

Simon Lütgemeyer

„Die Schicksale rücken umso näher, je persönlicher und konkreter es wird“, hat Simon Lütgemeyer erfahren. Seine Frau habe ihn irgendwann besorgt gefragt, „ob ich damit klarkomme“, erzählt Lütgemeyer, und den fragenden Töchtern habe er versucht zu erklären, dass Menschen aus diesem Wohnhaus einst verfolgt wurden und gestorben sind.

Lütgemeyers Frau brachte die Geschichten der ehemaligen Bewohner:innen auf die Bühne

Inzwischen hat seine Frau Britta Wilmsmeier als Künstlerin unter dem Titel „Käthe 35 - Biographie eines Berliner Hauses“ die Geschichte und Geschichten auf die Bühne gebracht, musikalisch kommentiert vom Jazz-Musiker Roman Ott.

Über alle damaligen Bewohner:innen können Besucher:innen der Webseite Kaethe35 nun einiges erfahren – manchmal mehr, zuweilen weniger. Von einigen geben nur die akribisch geführten Deportationslisten in Richtung Konzentrationslager eine Auskunft über ihr Schicksal. Die meisten Hausbewohner:innen wurden bei den insgesamt 62 „Judentransporten“, die im Oktober 1941 begannen, nach Riga, Minsk, Theresienstadt oder Auschwitz deportiert – in vielen Fällen sofort nach der Ankunft ermordet. Allein in Auschwitz starben 34 Hausbewohner:innen.

1939 gelang es Charlotte Gossels (hier mit Benno Lewy), die Brüder Werner und Peter Gossels in das noch unbesetzte Frankreich zu schicken. Von dort gelang ihnen die Flucht in die USA.
1939 gelang es Charlotte Gossels (hier mit Benno Lewy), die Brüder Werner und Peter Gossels in das noch unbesetzte Frankreich zu schicken. Von dort gelang ihnen die Flucht in die USA.
© Familie Gossels

Über andere jüdische Mieter:innen des Hauses kann man sehr viel mehr erfahren. Ergreifend ist etwa das Schicksal der Brüder Werner und Peter Gossels. Ihre Großmutter Lina, die Frau des Bauherrn des Wohnhauses, wurde gezwungen, das Haus weit unter Wert zu verkaufen. Sie durfte zugleich davon kein Geld für das Leben der Familie verwenden. Trotzdem gelang es ihrer Tochter Charlotte 1939, die knapp sechs und neunjährigen Jungen ins damals noch unbesetzte Frankreich zu schicken, wo sie zwei Jahre lang in der Nähe von Paris ein vom „Comité Israelite“ organisiertes Internat besuchen. Von dort aus gelangen die Söhne 1941 nach weiterer Flucht im September 1941 in die USA. Ihre Mutter sahen sie nie wieder – Gewissheit über ihren Tod in Auschwitz bekamen sie erst 1991.

Ihr Spielkamerad Egon Heysemann, dessen Familie ebenfalls im Haus wohnte, ging mit den Gossels-Brüdern zusammen nach Frankreich. Warum er später nach Berlin zurückkehrte, ist ungeklärt. Zusammen mit seinen Eltern wurde er 1942 nach Piaski deportiert, wo die ganze Familie starb.  

„Charlotte-Gossels-Room“ bei Boston

Peter Gossels, der in den USA ein erfolgreicher Anwalt wurde und sich politisch engagierte, hat kurz vor seinem Tod 2019 noch ein Buch mit den 28 Briefen der Mutter herausgegeben. Die Brüder hatten nach dem Mauerfall das Wohnhaus zurückerhalten, aber bald wieder verkauft, weil sie mit dem „Blutgeld“ nicht zu tun haben wollten. Mit dem Erlös gründeten sie in den USA eine Stiftung, um einen Bibliotheksbau in ihrem Wohnort nahe Boston zu finanzieren. Dort gibt es nun einen „Charlotte-Gossels-Room“ zur Erinnerung an ihre Mutter.

Erinnert wird an der Klingeltafel auch an den in den 30er Jahren sehr bekannten Schauspieler Georg John. In mehreren Filmen von Fritz Lang, darunter der Klassiker „M – eine Stadt sucht einen Mörder“, spielte er Rollen, auch beim Regisseur Friedrich Murnau stand er vor der Kamera. Nachdem er von den Nazis aus dem Kulturbetrieb gedrängt wurde, und kaum noch ein Einkommen hatte, zog er zu Verwandten in die Lippehner Straße 35. Auch er wurde deportiert und ermordet.

Ermutigende Geschichten des Überlebens in der NS-Diktatur

Aber neben den vielen ermordeten Bewohner:innen gab es auch ermutigende Geschichten des Überlebens in der NS-Diktatur, ergaben die Recherchen von Simon Lütgemeyer. Die 1939 im Haus geborene Tana Hopp überlebte, weil die Familie nach Brasilien floh. Der ebenfalls im Haus lebende Bruder ihres Vaters und dessen Familie lehnten die flehentlichen Bitten ab, ebenfalls nach Brasilien auszureisen, und wurden deportiert. Die inzwischen 82-Jährige Tana Hopp lebt heute in Pennsylvania; mit ihr hat Lütgemeyer ebenso Kontakt wie mit Nachfahren der Geschwister Gerda und Norbert Lewinnek. Gerdas Mutter Emma überlebte als "Nichtjüdin"; der jüdische Vater starb 1941 nach Haft und Folterung.

Die Schneiderin Gerda musste Zwangsarbeit leisten und war in Berlin zusammen mit ihrem Bruder die letzten Monate bis Kriegsende in einem Weddinger SS-Sammellager inhaftiert. Mit Gerdas Hilfe gelang es zuvor ihrem Freund Bully Salem Schott, aus dem KZ Auschwitz zu fliehen. Der bekannte Amateur-Boxer und brandenburgische Meister war zuerst im Konzentrationslager Sachsenhausen, dann in Auschwitz eingekerkert. Nach seiner Flucht überlebte er in Berlin bis zum Kriegsende im Untergrund. Ende 1948 zogen Gerda und Bully Schott nach Australien, auch ihr Bruder Norbert und die Mutter Emma kamen mit.

Die stumme Klingeltafel in der Käthe-Niederkirchner-Straße 35 wurde 2019 von Werner Gossels, Simon Lütgemeyer und Peter Gossels (v. links n. rechts) eingeweiht.
Die stumme Klingeltafel in der Käthe-Niederkirchner-Straße 35 wurde 2019 von Werner Gossels, Simon Lütgemeyer und Peter Gossels (v. links n. rechts) eingeweiht.
© Nancy Gossels
Zur Einweihung der Klingeltafel versammelten sich viele Gäste vor der „Kaethe 35“, auch Überlebende und deren Nachkommen kamen.
Zur Einweihung der Klingeltafel versammelten sich viele Gäste vor der „Kaethe 35“, auch Überlebende und deren Nachkommen kamen.
© Harf Zimmermann

All diese Geschichten hat Simon Lütgemeyer auf der Webseite kaethe35.de zusammengetragen. Zur Einweihung der stummen Klingeltafel, die von den Wohnungseigentümer:innen einstimmig beschlossen wurde, und einer Ausstellung im Hausflur hatte Lütgemeyer 2019 die Überlebenden und deren Nachkommen eingeladen. Die Brüder Gossels kamen aus den USA und auch Gerdas Sohn Martin Schott aus Sydney. 

Auf einem Foto, das Simon Lütgemeyer zeigt, ist die große Schar der Besucher:innen und Gäste versammelt. "Die Gossels-Familie kehrte mit der Überzeugung nach Amerika zurück, dass die Kräfte des Bösen, die die Deutschen vor 80 Jahren beherrscht haben, durch eine anständige, mitfühlende Generation ersetzt worden sind, die sich dafür einsetzt, die Welt und besonders Deutschland zu einem besseren, friedlicheren, großzügigeren Ort zu machen", schrieb Peter Gossels nach der Rückkehr in die USA in einem Beitrag für die dortige Lokalzeitung.  

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