„Es begann mit einer Geschichte über Fake News und Google“

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Journalistin Carole Cadwalladr : „Ich konnte es zunächst selbst nicht glauben“
Wahlkampf in Social Media. Durch Microtargeting werden Emotionen und Ängste zielgerecht mit der Hilfe sozialer Netzwerke verbreitet.
Wahlkampf in Social Media. Durch Microtargeting werden Emotionen und Ängste zielgerecht mit der Hilfe sozialer Netzwerke...Foto: imago/Zuma Press

Wenn so vieles bei der Abstimmung illegal lief, warum zweifelten so wenige das Ergebnis an?

Die Regierung war mit einigen ihrer eigenen Minister beteiligt, und Labour lässt es geschehen, weil deren Vorsitzender Jeremy Corbyn selbst den Brexit will. Es gibt zwar Parlamentarier, die das offen aussprechen, aber sie können sich kein Gehör verschaffen. Und fast alle Medien, sogar die BBC, sind in dieser Frage wie paralysiert.

Sie schreiben von amerikanischen Hintermännern. Demnach war die Brexit-Kampagne im Juni 2016 eine Art Probelauf für die Techniken, die der gleiche Trupp dann fünf Monate später bei der US-Präsidentschaftswahl anwandte?

So kann man das zusammenfassen. Es ging um die gleichen Methoden. Emotionen und Ängste wurden durch Microtargeting zielgerecht mit der Hilfe sozialer Netzwerke verbreitet.

Sie haben sich mit ziemlich mächtigen Leuten angelegt. Schauen Sie sich manchmal auf der Straße um, ob Sie jemand verfolgt?

Das passiert. Einer meiner Informanten wurde beschattet, Fotos tauchten im Netz auf.

Sie kamen mit dem Fahrrad zu unserem Interview. Welche Sicherheitsmaßnahmen ergreifen Sie?

Mein Hund kann sehr laut sein. Und natürlich habe ich meinen Rechner gegen Hacker gesichert.

Haben Sie keine Angst?

Die Geschichte ist es wert. Ich habe nie daran gedacht, aufzuhören. Und je mehr sie uns anfeinden, desto mehr zeigt es, dass sie sich Sorgen machen.

Ihre Artikelserie basierte vor allem auf den Aussagen von Christopher Wylie, dem Datenexperten für Cambridge Analytica. Wie haben Sie den eigentlich gefunden?

Über LinkedIn.

Auch ein soziales Netzwerk. Dann haben Sie ihn einfach so angerufen?

Ja, allerdings verschlüsselt mit dem sicheren Messengerdienst „Signal“. Er hatte zuvor nicht groß über seinen Job nachgedacht, aber mit Trumps Einzug ins Weiße Haus wurde ihm klar, dass er etwas geschaffen hatte, das dieses Wahlergebnis ermöglichte. Sein Auftraggeber Steve Bannon war plötzlich Stabschef und saß im Nationalen Sicherheitsrat. Chris hatte dann aufrichtig Bedenken, dass all die Daten, die sie gesammelt hatten, nun vom Pentagon genutzt wurden. Da kam meine Anfrage wohl gerade zum richtigen Zeitpunkt.

Wenn Ihr Kronzeuge sagt, er und seine Kollegen hätten Trump zum Wahlsieger gemacht, ist das erst mal nur eine Behauptung.

Das stimmt. Doch man hat ja Millionen Dollar ausgegeben, um an all diese Daten zu kommen und die Wähler gezielt anzusprechen. Viele solide wissenschaftliche Studien haben bewiesen, wie wertvoll die Daten für einen Wahlkampf sein können.

Wie sind Sie überhaupt auf dieses Thema gestoßen?

Es begann mit einer Geschichte über „Fake News“ und Google. Ich habe „Sind Juden“ in die Suchmaske eingegeben, und Google schlug mir „Sind Juden böse“ vor. Jeder Link führte auf Webseiten mit der Antwort, ja, Juden sind böse. Bei Ihnen in Deutschland würde das Ergebnis wahrscheinlich anders aussehen, aber Naziwebseiten standen in der Rangfolge ganz oben. Auf die Frage, ob der Holocaust geschehen sei, kamen zig Seiten mit dem Ergebnis, nein, alles Lüge. In der nächsten Nacht fand ich einen amerikanischen Akademiker, der diese Fake-News-Seiten kartiert hatte und sah, wie sie vernetzt sind und seriöse Medien wie die „New York Times“ oder der „Guardian“ förmlich erdrückt werden. Er nannte mir auch erstmals die Firma Cambridge Analytica.

Wann war das?

Im November 2016, zwei Wochen nach der Wahl von Trump. Da geschah etwas wirklich Befremdliches im Netz, das wir jeden Tag nutzen und von dem wir abhängig sind.