Thüringen-Wahl : Wenn „Maybrit Illner“ zur Krisensitzung wird

Thomas Kemmerich soll von der Wahl zum Ministerpräsident von Thüringen „übermannt“ gewesen sein. Im ZDF-Talk zeigt sich: So geht es der Politik gerade insgesamt.

Am runden Tisch: Bei "Maybrit Illner" ging es am Donnerstag natürlich um Thüringen.
Am runden Tisch: Bei "Maybrit Illner" ging es am Donnerstag natürlich um Thüringen.Screenshot: Tsp/ZDF.de

Es ist der neue Sündenfall der deutschen Politik: FDP-Politiker Thomas Kemmerich hat sich in Thüringen mithilfe von CDU und AfD zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Nur 25 Stunden später war der Spuk schon wieder fast vorbei, Kemmerich will nach einem Gespräch mit FDP-Chef Christian Lindner den Posten als Ministerpräsident abgeben – es könnte Neuwahlen geben oder auch nicht.

Wie es weitergeht in Thüringen ist offen – und die Aufregung über die Wahlhilfe von rechts bleibt groß. Maybrit Illners Gäste am Donnerstagabend überschlugen sich fast mit Schreckens- und Bedauernsvokabeln.

Robert Habeck, Parteivorsitzender der Grünen, glaubt nicht wirklich an einen Zufall in Sachen Zusammenarbeit zwischen FDP, Union und AfD. Immerhin hatte der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke Kemmerich schon vor der Wahl brieflich eine Zusammenarbeit angeboten – ein Schriftstück, das Kemmerich laut AfD-Mann Alexander Gauland allerdings unbeantwortet ließ.

Für Janine Wissler, stellvertretende Parteivorsitzende der Linken, waren die Ereignisse in Thüringen ein „Dammbruch nach rechts“ und ein „Skandal“: „FDP und Union haben mit Faschisten paktiert“.

Linda Teuteberg, Generalsekretärin der FDP, war sichtlich um Schadensbegrenzung bemüht: „Thomas Kemmerich wollte das nicht“, beschwichtigte sie, und stellte klar: „Die FDP ist der größte Gegensatz zur AfD. Sie hat nichts mit ihr gemein und es darf auch keine indirekte Abhängigkeit von ihr geben“.

Was wird aus Thüringen? Robert Habeck (Grüne) und Linda Teuteberg (FDP) hatten auch keine rechte Antwort.
Was wird aus Thüringen? Robert Habeck (Grüne) und Linda Teuteberg (FDP) hatten auch keine rechte Antwort.Screenshot: Tsp/ZDF

Dagmar Rosenfeld, Chefredakteurin der „Welt“ und Ex-Frau von FDP-Chef Christian Lindner, rechnete Lindner zwar an, dass er Kemmerich am Donnerstag schnell überzeugt habe, auf das Amt zu verzichten – die CDU hat mit Mike Mohring einen härteren Brocken zu knacken, denn er lehnt Neuwahlen bisher ab; das war der Stand noch während der Sendung und änderte sich auch nach Ende einer Krisensitzung in der Nacht in Erfurt nicht. Andererseits werde aus Christian Lindners Umfeld berichtet, er habe die Ereignisse schlicht nicht kommen sehen. „Politik ist was für Profis“, kommentierte Rosenfeld trocken.

Kretschmer floskelt von der „vernünftigen Lösung“

Michael Kretschmer, CDU-Ministerpräsident von Sachsen, bemühte in Illners Sendung seine vermutlich neue Lieblingsfloskel: die „vernünftige Lösung“, die es nun für Thüringen brauche. Sein Verständnis mit den thüringischen Landespolitikern hält sich aber in Grenzen. Er warf ihnen vor, vor allem sich selbst zu sehen und „nicht das große Ganze“ – etwa, wieviel Schaden sie mit der Wahl am Mittwoch ihren Parteien auf Bundesebene zugefügt haben. „Das hätte so nicht passieren dürfen“, sagte Kretschmer.

Für diese und ähnliche Äußerungen wurde er von Janine Wissler allerdings ordentlich angegiftet, die CDU und FDP gleichermaßen als „Brandstifter“ betitelte und sich erst langsam so weit beruhigte, um nur noch von einem „eingebrockten Schlamassel“ zu sprechen.

Für die AfD ist Kemmerich der „andere bürgerliche Kandidat“

Für Alexander Gauland ist die thüringische Wahl natürlich ein Ausdruck reiner Demokratie. „Wir wollten die Regierung Bodo Ramelows verhindern, deshalb haben wir einen anderen bürgerlichen Kandidaten gewählt“, so seine Aussage zum AfD-Votum für Kemmerich.

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Dagmar Rosenfeld gab ihm zwar recht, dass kein Kandidat bestimmen könne, von wem er gewählt werde, warf Gauland aber vor, taktiert zu haben: Seine Partei habe mit Christoph Kindervater dreimal einen eigenen Kandidaten ins Rennen um das Ministerpräsidenten-Amt geschickt, auch wenn klar war, dass beim dritten Mal die AfD-Stimmen an die FDP gehen. Hätte die AfD darauf verzichtet, wäre Kemmerich vermutlich gar nicht angetreten, so Rosenfeld.

Der wirkliche Gau sei aber eingetreten, als Kemmerich die Wahl angenommen habe: „Da sind FDP und CDU einen Pakt mit der AfD eingegangen“. Für Janine Wissler von den Linken ist die nachträgliche Begründung, Kemmerich sei „vom Ergebnis übermannt gewesen“ und habe das Votum deshalb angenommen, „das Dümmste, was ich je gehört habe.“

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Mit der AfD wollte jedenfalls niemand in der Talk-Runde politisch etwas zu tun haben, weder jetzt noch in Zukunft. „Das sind Leute, die unserem Land schaden wollen“, sagte Michael Kretschmer – und natürlich kam auch zur Sprache, dass man Thüringens AfD-Mann Nummer eins Björn Höcke offiziell einen Faschisten nennen darf. „Es ist Unsinn, dass Herr Höcke ein Faschist ist“, widersprach Gauland, „sonst würde er nicht in einem thüringischen Parlament sitzen“. Ach, Thüringen. Dagmar Rosenfeld fasste es schlicht aber passend zusammen: „Es gibt in Erfurt keine gute Lösung mehr.“

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