Merkel dominiert und sediert zugleich

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Ein Jahr vor der Bundestagswahl : Merkel und ihr Flohzirkus

Übrigens erklärt sich diese missliche Lage nicht allein dadurch, dass die Euro-Retterin das Feld zugleich dominiert und sediert. Die Kanzlerin der ruhigen Hand und der immer gleichen Sätze profitiert indirekt von jener nervösen Debattenkultur, in der alles zum Aufreger erklärt wird, aber nichts länger als zwei Wochen.

Eine Ex-First-Lady schreibt ein dümmliches Buch? Skandal! Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer? Skandal! Die Talkshow-Welt behandelt das Banale und das Bedeutende mit gleichem Eifer und bügelt beides damit gleichermaßen platt; ihr Kriterium ist Theatralik, nicht Relevanz.

Wie es in diesem Umfeld gelingen könnte, eine ernsthafte alternative Agenda zu entwickeln und in den Köpfen zu verankern, ist ein Rätsel, das zu lösen der Opposition bisher nicht gelungen ist. Vielleicht ist es unlösbar im Zeitalter nach den großen alten Ideologien. Vielleicht ist es auch besonders schwer für diese Opposition. Manchmal reicht ja ein frisches Gesicht als Versprechen.

In die Schlacht aber zieht die Generation der Silberrücken. Für viele wird es die letzte sein. Alle haben schon einmal regiert, was Erfahrung schafft, aber auch Desillusionierung. Das politische Berlin ist infolgedessen umfassend merkelisiert: keine Visionen, nirgends. Peer oder Frank-Walter, Sigmar oder Jürgen, Petra oder Renate – ihre Strahlkraft reicht nicht weiter als bis zu der Behauptung, man werde das meiste ähnlich, wenngleich eventuell im Detail besser machen.

Noch ein Jahr. In der Politik ist das freilich eine lange Zeit. Kriege können ausbrechen, Flüsse über die Ufer treten, Piratenflotten aus dem Nichts am Horizont erscheinen und genauso schnell wieder, vom eigenen Pulverdampf benebelt, auf die Klippen laufen.

Womöglich scheitert Griechenland, aus papiernen Milliardengarantien werden auf einmal deutsche Schulden, in harter Währung abzuzahlen. Vielleicht verpennt die FDP den Moment, ihren Vorsitzenden zu schassen, zieht dann zerstritten in den Kampf oder mit derart gequälter Miene, dass es selbst treuesten Anhängern zu bunt wird.

Im Januar wählt Niedersachsen – Ende offen, Folgen auch. Und was dem Bayern-Horst in seinem Wahlkampf noch alles einfällt, um die eigene Haut zu retten, koste es andere, was es wolle...

Bildergalerie: Merkel lobt Schwarz-Gelb und geht in den Urlaub

Merkel lobt Schwarz-Gelb und geht in den Urlaub
In der Bundespressekonferenz in Berlin zieht Angela Merkel am Freitag Bilanz für zwei Jahre Schwarz-Gelb, bevor sie sich in die Sommerpause verabschiedet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: dapd
22.07.2011 13:21In der Bundespressekonferenz in Berlin zieht Angela Merkel am Freitag Bilanz für zwei Jahre Schwarz-Gelb, bevor sie sich in die...

In einem Jahr kann sich fast alles verändern in der Politik. Nur die Kanzlerin eher nicht. Wer ihr zugehört hat an jenem Mittwochmorgen, konnte das Grundgerüst ihrer kommenden Wahlkampfreden erkennen. Merkel macht das immer so; sie probiert Formulierungen aus, bei Landtagswahlkämpfen oder eben im Bundestag.

Europa also wird natürlich breiten Raum einnehmen, die 500 Millionen Europäer, die sich nur gemeinsam behaupten könnten in einer Welt der sieben Milliarden Menschen. Das Regierungsbündnis wird am Rande vorkommen als eines, das so übel gar nicht sei. Ja, und die Menschen in diesem Land wird sie preisen. „Uns alle“ wird sie sagen und, jede Wette, „wir“, recht viel „wir“. Schon unter der Reichstagskuppel hat Merkel so geklungen, als ob sie alle 15 Grünen und die drei Roten mühelos mit unter den weiten Mantel nimmt.

So weit ist der Ablauf berechenbar. Nur das Ergebnis ist es nicht. Wie es wirklich aussieht, wenn in einem Jahr um 18 Uhr die großen Fernsehsender die ersten Prognosen verbreiten? Merkel hat vor drei Jahren ebenfalls die Beliebtheitslisten angeführt. Schon damals hat es sich als schwierig erwiesen, die Wähler davon zu überzeugen, dass diese „Christlich Demokratische Union (CDU)“ auf ihren Wahlzetteln in Wirklichkeit bloß eine Abkürzung für Merkel sei – „Chefin der Unionsparteien“ oder so was in der Art.

Die gleiche Trennung zwischen der Kanzlerin hier und den Schwarz-Gelben dort, die ihr so vorteilhafte Beliebtheitswerte verschafft, bewirkte in den Wahlkabinen das Gegenteil. Merkel hätten viele gewählt. Aber ihren Flohzirkus?

In der CDU kennen sie übrigens das Problem, es gibt sogar schon einen theoretischen Begriff für die Lösung: „asymmetrische Mobilisierung“. Nur wie man es praktisch hinkriegen soll, die Wähler der anderen einzuschläfern und diesmal nicht die eigenen gleich mit, darüber zerbrechen sie sich noch die Köpfe.

Gegen andere Unwägbarkeiten hilft selbst Kopfzerbrechen nicht. Sechs Parteien bewerben sich mit Aussicht auf Erfolg für den nächsten Bundestag, sieben, wenn man die CSU mitzählt. Die nächste Koalition zu schmieden, kann höhere Mathematik erfordern. Ein paar Prozente hier, ein paar da – schon ist die FDP draußen, schon sind die Piraten drin.

Ein paar Prozente, und schon steht die Frau, die heute alle Konkurrenten zur Verzweiflung treibt, als Kaiserin ohne Land da. Sie weiß ja übrigens, dass das so kommen kann. Sie wird das Ihre tun, um es zu verhindern. Aber am Ende hilft auch der mächtigsten Frau der Welt nur – nun, nennen wir es: Merkel-Fatalismus.

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