Kim und Trump : Auch mit egomanischen Alphatieren brauchen wir Geduld

Der Gipfel von Trump und Kim in Hanoi ist gescheitert, aber erfolgreiche Diplomatie dauert eben. Ihr Kurs ist grundsätzlich zu bejahen. Ein Kommentar.

Ein mehr als lebensgroßes Poster von Kim Jong Un und Donald Trump an der Oper in Hanoi.
Ein mehr als lebensgroßes Poster von Kim Jong Un und Donald Trump an der Oper in Hanoi.Foto: Athit Perawongmetha/REUTERS

Der wichtigste Lehrsatz für Diplomaten stammt von William Shakespeare. „Der braucht einen langen Löffel, der mit dem Teufel isst.“ Die langen Löffel bedeuten Geduld und Abstand. Im Idealfall sieht das so aus: Bevor mit dem Teufel gegessen wird, bereiten Mitarbeiter beider Seiten alles haarklein vor. Nichts wird dem Zufall oder weiterer Verhandlungskunst überlassen. Die Abschlusserklärung ist fertig. Das Treffen selbst ist nur noch Form- und Fotosache. Der Gipfel? Ein Erfolg.

Der Satz von Shakespeare stammt übrigens aus der „Komödie der Irrungen“. Der Regelfall der hohen Diplomatie sieht nämlich anders aus. Das zeigen zwei Beispiele aus der vergangenen Woche. In Hanoi kamen US-Präsident Donald Trump und der „Oberste Führer“ Nordkoreas, Kim Jong Un, zusammen. Es war bereits ihre zweite direkte Begegnung. Zuvor hatten sie sich mit Raketen und roten Knöpfen bedroht.

Doch der Gipfel scheiterte, der Traum von Frieden, Abrüstung und einem Ende der Sanktionen platzte, Trump flog vorzeitig ab. Zu Hause musste er sich Kritik an seinem Kuschelkurs gefallen lassen. Schließlich ist Kim ein brutaler Diktator, der sein Land als Atommacht etablieren will und die Menschenrechte mit Stiefeln tritt. Hat sich der „Führer der freien Welt“ blamiert?

Drei Tage zuvor versammelten sich in Ägypten die Staatschefs der Arabischen Liga und der Europäischen Union zu ihrem ersten gemeinsamen Gipfel. Doch bei der Abschlusspressekonferenz kam es zum Eklat, ausgelöst durch eine Debatte über Menschenrechte in den arabischen Ländern. Ägyptens Präsident Abdel Fatah al Sisi verwahrte sich gegen Belehrungen. Sein Land achte die Werte der Europäer, sagte er, „also respektiert ebenso unsere Werte“. Ungeachtet dieser Dissonanzen verständigten sich beide Seiten auf eine engere Zusammenarbeit. Geht Europa zu sanft mit Despoten um?

In einer Welt, auf der es eben auch Teufel gibt, gibt es zu langen Löffeln nur eine nichtmilitärische Alternative – Druck, Isolation, Sanktionen. Der Vorteil, sich damit moralisch auf ein hohes Ross setzen zu können, wird allerdings geschmälert durch die Misserfolgsgeschichte dieses Kurses. Sanktionen haben weder bei Saddam Hussein noch bei Slobodan Milosevic gewirkt, Wladimir Putin ist ebenfalls unbeeindruckt. Ob Birma, Kuba, Simbabwe oder Sudan: Zumeist trügt der Glaube, durch ökonomische Repressalien ein Regime in die Knie zwingen zu können. Südafrika war die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Prinzipientreue darf nicht vom Reden abhalten

Wäre es besser, Trump würde zur konfrontativen Politik gegenüber Nordkorea zurückkehren? Sollte die EU sich Gesprächen mit der Arabischen Liga lieber verweigern? Zweimal nein. Allzu leicht werden Rigorismen mit Prinzipientreue verwechselt. Aus der Not, keinen Plan zu haben, wird oft eine Tugend gemacht.

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Als der glühende Antikommunist Richard Nixon 1972 nach China fuhr und den glühenden Kommunisten Mao Zedong traf, musste er nach 22 Jahren Feindschaft durchaus ein paar Kröten schlucken. Als Ronald Reagan und Michail Gorbatschow 1986 in Reykjavik sich nach vier Gesprächsrunden nicht einmal auf eine Absichtserklärung einigen konnten, schien ein Wettrüsten unabwendbar zu sein. Als Ende 1992 Israelis und Palästinenser in London und Oslo zu Vorfriedensgesprächen zusammenkamen, galt die PLO als Terrororganisation, zu der Kontakte zu unterhalten nach israelischem Recht streng verboten war.

Historisch wurden diese Begegnungen trotz der zunächst mageren Resultate. Sie setzten Dynamiken in Gang, durch die eingefrorene Konflikte auftauten. Wie lange so etwas dauert, lässt sich nicht prognostizieren. Aber dass nun auch zwei misstrauische, egomanische Alphatiere wie Trump und Kim nicht mehr voneinander lassen wollen, ist eine gute Nachricht. Sie lernen die Mühen der Diplomatie. Auf die Rückschläge sollten Europäer nicht hämisch reagieren, sondern den Kurs grundsätzlich bejahen. Was richtig ist in der Politik, darf keine Frage persönlicher Sympathien sein. Schweigen ist Silber, Reden ist Gold.

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