Beim Erdgas fällt es schwerer, Alternativen zu finden

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Krim-Krise : Wie abhängig ist Deutschland von Russlands Öl und Gas?
Angela Merkel und Stephen Harper
Krisengewinnler? Stephen Harper, der kanadische Premierminister, ist auf der Suche nach neuen Märkten für sein schmutziges Erdöl...Foto: dpa

In Sachen Gasversorgung ist die Lage deutlich komplizierter. Das Bruegel-Institut, ein Brüssler Thinktank, hat vor wenigen Tagen eine überschlägige Kalkulation gemacht. Um die rund 130 Milliarden Kubikmeter Erdgas – davon verbraucht Deutschland allein 90 Milliarden Kubikmeter – aus Russland zu ersetzen, müssten nahezu alle technischen und ökonomischen Möglichkeiten für einen Ersatz genutzt werden. Das Bruegel-Institut sieht da auch kurzfristig Ersatzkapazitäten von bis zu 190 Milliarden Kubikmeter Gas. Dazu müsste die Pipeline-Kapazität in Italien, die mit Flüssiggas (LNG) aus Algerien befüllt wird, voll ausgenutzt werden. Das wären rund fünf Milliarden Kubikmeter Gas. Die Niederlande könnten technisch 20 Milliarden Kubikmeter mehr Gas fördern. Allerdings haben sie die Gasförderung gerade begrenzt, weil die unkonventionelle Förderung von langsam erschöpften Gasquellen zu Rissen in den Häusern nahe der Fördergebiete und zu Mini-Erdbeben geführt hat. Diese Option ist möglich, aber unwahrscheinlich.

Norwegen könnte die vorhandenen Pipeline-Kapazitäten ebenfalls weiter ausnutzen. Schon heute bezieht die EU 23 Prozent ihres Gasbedarfs aus Norwegen. Von dort könnten 20 Milliarden Kubikmeter mehr kommen. Die LNG-Importe könnten technisch auf 60 Milliarden Kubikmeter verdoppelt werden. Allerdings ist Flüssiggas fast doppelt so teuer wie russisches Gas und wird im übrigen von Japan teuer bezahlt, das nach der Atomkatastrophe von Fukushima einen Großteil seiner Stromversorgung mit Gaskraftwerken deckt. Außerdem sind 90 Prozent der vorhandenen LNG-Kapazitäten bereits unter Vertrag und stehen nicht zur Verfügung.

Bleibt nur noch: Energiesparen. Das hat durchaus Potenzial. Eine um 1,5 Grad kühlere Raumtemperatur würde der EU 20 Milliarden Kubikmeter Gasimporte ersparen. Von den 60 bis 80 Milliarden Kubikmeter Gas, die verstromt werden, sei die Hälfte ersetzbar, so das Institut.

Auf mittlere Sicht hat der amerikanische Präsident Barack Obama bei seinem Besuch in Brüssel Flüssiggaslieferungen mit amerikanischem Schiefergas in Aussicht gestellt. Das wird jedoch nach IHS- Einschätzung frühestens von 2015/16 an überhaupt exportiert werden können. Und dann, das erwartet IHS-Gründer Daniel Yergin, wird es auch eher nach Asien geliefert werden. Es könnte in Europa preislich mit dem russischen Gas auch gar nicht konkurrieren. Bisher gibt es keinen Weltmarkt für Gas, sondern allenfalls Regionalmärkte. Zudem hatte Obama dieses etwas vage Geschäft auch vom Abschluss des umstrittenen Freihandelsabkommens zwischen den USA und der EU abhängig gemacht. Obama und Daniel Yergin, der Obama in der Schiefergasstrategie berät, raten den Europäern allerdings dazu, ihre eigenen unkonventionellen Gasreserven mit dem Frackingverfahren in großem Stil zu fördern.

Beeinflusst die Krise die Energiewende?

Nein. Denn bei der Stromerzeugung spielt Gas derzeit keine Rolle. Yergin hat vor kurzem zwar eine Studie darüber vorgelegt, um wie viel preiswerter die deutsche Energiewende werden könnte, wenn die Deutschen ihren Widerstand gegen das Fracking beenden würden. Allerdings steckt auch dahinter eher eine amerikanische Exportstrategie: Die amerikanischen Firmen, die Frackingunternehmen Maschinen und Technik liefern, sind dringend auf der Suche nach neuen Märkten.

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