Merkel-Rede in Harvard : Von der Kunst, Pausen zu machen

Bei ihrer Rede in Harvard erwähnt Merkel den US-Präsidenten mit keinem Wort, widerspricht ihm aber auf ihre Art. Und sie wird erstaunlich persönlich.

Mit dem Ehrendoktortitel ausgezeichnet: Kanzlerin Merkel in Harvard.
Mit dem Ehrendoktortitel ausgezeichnet: Kanzlerin Merkel in Harvard.Foto: imago images / UPI Photo

Angela Merkel lässt ihre Zuhörer ein bisschen warten. Gut ein Drittel ihrer Rede ist bereits rum, als sie den Gästen der Abschlussfeier in Harvard endlich das gibt, wonach diese sich so sehr sehnen: Worte, die nicht nur mutig sind, sondern auch Mut machen, die aufrütteln und anspornen sollen.

„Was fest gefügt und unveränderlich scheint, das kann sich ändern“, ruft die Bundeskanzlerin von der Ehrentribüne im Tercentary Theatre den rund 7000 Studenten zu, die an diesem Donnerstag ihre erfolgreichen Abschlüsse an der Eliteuniversität mit Familien, Freunden, Professoren und Ehemaligen feiern. Diese Erfahrung habe sie selbst gemacht, damals, vor 30 Jahren, als die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland auch für sie so überraschend gefallen sei, wie Merkel sagt. Der Applaus brandet auf, es klingt so, als ob sich die liberale Elite Amerikas klatschend und jubelnd gegen das lähmende Gefühl stemmen will, das viele angesichts der Politik des eigenen Präsidenten empfinden.

Immer wieder wird die deutsche Regierungschefin danach von Applaus unterbrochen, dabei erwähnt sie Donald Trump mit keinem Wort. Das braucht sie gar nicht, auch so gilt sie in diesen politischen Kreisen als die Antithese des derzeitigen amerikanischen Präsidenten, ja, als die eigentliche Anführerin der freien Welt, wie es bei ihrer Begrüßung heißt, ein Titel, den sie selbst wohl gar nicht so ernst nimmt, zumindest meint man das an ihrer Mimik abzulesen.

Aber sie findet zielsicher die Triggerpunkte, die ihre Zuhörer jubeln lassen. Etwa wenn sie davon spricht, dass Protektionismus „die Grundlagen unseres Wohlstands“ gefährde, dass der Klimawandel „von Menschen gemacht“ sei und man daher „alles Menschenmögliche“ unternehmen müsse, dass man Lügen nicht als Wahrheit und Wahrheit nicht als Lügen bezeichnen dürfe und dass Mauern einstürzen können.

Protektionismus, Klimawandel, Lügen, Mauern, wer denkt da nicht sofort an Donald Trump? Und auch ihr Wunsch, dass alle nicht immer den „ersten Impulsen folgen, sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen“, klingt in den Ohren der Zuhörer so, als ob sie diesen direkt adressiere.

„Im letzten Moment vor der Freiheit abbiegen“

Nun ist es aber auch so, dass sich Merkel das alles noch viel einfacher hätte machen können. Sie, der Trumps Vorgänger Barack Obama 2011 die Freiheitsmedaille im Rosengarten des Weißen Hauses verliehen hat, eine Auszeichnung, auf die sie stolzer ist als auf die meisten anderen, die sie in ihrer jahrzehntelangen Karriere verliehen bekommen hat, wie es heißt. Sie, die überzeugte Transatlantikerin, die in der Jugend von Amerika träumte und heute fest an Kompromisse, multilaterale Bündnisse und Verlässlichkeit glaubt, hätte Trump frontal angehen, ihn wegen seiner Politik und seiner Rhetorik scharf kritisieren können. Der Applaus wäre dann wohl noch donnernder zu hören gewesen, von Anfang an.

Aber so ist Merkel nicht, sie kritisiert subtiler. Sie weiß ja auch, was auf dem Spiel steht, hat ihre Erfahrungen mit diesem Präsidenten gemacht. Wie 2018 beim G-7-Gipfel in Kanada, als Trump gekränkt von einer kritischen Bemerkung des kanadischen Premierministers Justin Trudeau den gerade gefundenen Konsens wieder aufkündigte. Trump unnötig zu reizen, schafft mehr Probleme, als es löst. In einem Interview mit dem US-Sender CNN vor wenigen Tagen hat sie betont, dass sie es als ihre Pflicht empfinde, als Regierungschefin Deutschlands immer das Gemeinsame mit den internationalen Partnern zu suchen.

Auch daher hat sich die Kanzlerin wohl entschieden, eine für ihre Verhältnisse ungewöhnlich persönliche Rede zu halten. Bei Amerikanern kommt das ohnehin gut an, sie lieben biografische Anekdoten. So erzählt Merkel von ihrem Aufwachsen auf der anderen Seite der Mauer, die ihr „buchstäblich im Wege“ stand, von ihrer Frustration, als sie jeden Tag „im letzten Moment vor der Freiheit abbiegen“ musste. Davon, wie sich dann auf einmal alles änderte, 1989, und sie „ins Offene gehen“ konnte. Und wie sie, die Wissenschaftlerin mit dem Doktortitel in Quantenphysik, sich dann entschied, in die Politik zu wechseln.

Vor allem die Frauen inspiriert ihr Lebenslauf

Von ganz ähnlichen Umbrüchen im Leben haben zuvor auch schon zwei Studentinnen auf der Tribüne erzählt, allerdings mit deutlich mehr Pathos, als die für ihre Nüchternheit bekannte Kanzlerin aufbringt. Genesis Noelia De Los Santos Fragoso aus der Dominikanischen Republik und Lucila Hanane Takjerad aus Algerien stehen für die Vielfalt, die nicht nur das liberale Ostküsten-Harvard, sondern das gesamte Land ausmachen. Sie berichten von den Chancen, die sich ihnen eröffnet haben, entgegen aller Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten, und durch die sie nun hier in den USA, in Harvard gelandet sind, an einem Ort, an dem alles möglich scheint. Sie leben den amerikanischen Traum, den auch Merkel vor Augen hatte.

Dass diese „entgegen aller Erwartungen“ als erste Frau die Bundeskanzlerin der Deutschen wurde, ist auch etwas, das Pakhi Birla begeistert. Die 25-jährige Inderin hat gerade ihren Abschluss in Immunologie gemacht, ihre stolzen Eltern sind eigens für die große Feier aus Indore eingeflogen, immerhin sei Harvard ja die beste Universität der Welt. „Angela Merkels Erfolge inspirieren mich, und auch, dass sie diesen wissenschaftlichen Hintergrund hat. Wie ich“, sagt Pakhi Birla. Dass Angela Dorothea Merkel, geborene Kastner, einmal diese Wirkung auf junge Frauen in der ganzen Welt haben würde, wird sie selbst wohl nicht für möglich gehalten haben.

Eine Merkel-Bewunderin: die 25-jährige Inderin Pakhi Birla.
Eine Merkel-Bewunderin: die 25-jährige Inderin Pakhi Birla.Foto: Juliane Schäuble

Aber auch ältere Semester auf dem Campus geraten bei der Erwähnung der Kanzlerin fast ins Schwärmen. Evelyn Richmond zum Beispiel, die ihren Abschluss in Psychologie im Jahr 1941 gemacht hat und an diesem Donnerstag die Riege der Abschlussjahrgänge anführt. Am kommenden Montag wird sie 98, sie sitzt im Rollstuhl und hört ein bisschen schlecht, aber im Kopf ist sie glasklar. „Sie ist eine sehr sehr wichtige Politikerin und hat vieles richtig gemacht“, sagt die alte Dame über die 33 Jahre jüngere Kanzlerin. „Ich will wissen, wie sie als Mensch ist und was sie uns zu sagen hat.“ Den eigenen Präsidenten erträgt Richmond kaum, ihr geht es wie vielen Demokraten, die Donald Trump sofort gegen Angela Merkel eintauschen würden.

Adenauer, Schmidt und Kohl sprachen auch in Harvard

Als die altehrwürdige Universität Ende vergangenen Jahres die Rednerin der 368. Commencement ankündigte, als vierte Kanzlerin nach Konrad Adenauer, Helmut Schmidt und Helmut Kohl, geschah dies mit einem Hollywood-ähnlichen Video: Unterlegt mit dramatischer Musik wurde Angela Merkel als eine Legende gefeiert, als ein Symbol der Freiheit.

Zuhause in der Heimat hatte ihr Ansehen da bereits gelitten, als Folge ihres Handelns in der Flüchtlingskrise von 2015. Auch ihren schrittweisen Ausstieg aus der Politik hatte Merkel zu dem Zeitpunkt bereits beschlossen. Genau dieses Handeln war es jetzt aber, das die Uni als Begründung anführte, warum Merkel sich einen Ehrendoktortitel verdient hat: Der Satz „Wir schaffen das“ habe ihre vierte Amtszeit geprägt. Die Entscheidung, in großer Zahl Flüchtlinge ins Land zu lassen, habe ihren Willen gezeigt, für das einzustehen, was sie für richtig halte, auch wenn dies unpopulär sei, heißt es.

Inzwischen ist Angela Merkel wieder deutlich populärer im eigenen Land, aus unterschiedlichen Gründen. Aber dennoch hält sie fest an ihrem Plan, keine fünfte Amtszeit dranhängen zu wollen. Vor den 20.000 Gästen in Harvard spricht sie erstaunlich offen über das „Loslassen des Alten“ und über die Risiken des Neuanfangs. „Ich glaube, dass wir immer wieder bereit sein müssen, Dinge zu beenden, um den Zauber des Anfangens zu spüren und Chancen wirklich zu nutzen.“

Das sei ihre Erfahrung im Studium, in der Wissenschaft und in der Politik gewesen. „Und wer weiß, was für mich nach dem Leben als Politikerin folgt. Es ist völlig offen. Nur eines ist klar: Es wird wieder etwas Anderes und Neues sein.“ Gut möglich, dass Angela Merkel mal wieder alle überraschen wird. Aber bis dahin müssen sich wohl alle noch ein bisschen gedulden.

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