Strukturwandel im Ruhrgebiet : Komm aus’m Pott!

Rauchschwaden, goldflüssiger Stahl, Gesichter voller Kohlestaub - das steht in Deutschland noch immer fürs Ruhrgebiet. Doch die Bilder stimmen längst nicht mehr. Nun wird auch die letzte Zeche dicht machen.

Markus Engels
Arbeiter im Bottroper Bergwerk Prosper-Haniel, dem letzten aktiven im Ruhrgebiet.
Arbeiter im Bottroper Bergwerk Prosper-Haniel, dem letzten aktiven im Ruhrgebiet.Foto: REUTERS

Ruhrgebiet. Ein Gebiet also. Eine – bis auf die Tatsache, dass sich der Fluss Ruhr auf ihr befinden muss – vom eigenen Namen nicht näher beschriebene Fläche, besiedelt von fünf Millionen Menschen, 4500 Quadratkilometer groß. Elf kreisfreie Städte finden Platz darauf, halbmillioneneinwohnergroße sind dabei. Dortmund im Osten, Essen mittig, im Westen Duisburg. Vier Landkreise.

Nicht näher beschriebene Flächen eignen sich zum Bemalen. Es gibt wenige Gegenden in Deutschland, deren Namen bei Menschen, die noch nie oder lange nicht mehr dort gewesen sind, so verlässlich Bilder im Kopf entstehen lassen wie das Ruhrgebiet. Schornsteine mit Rauchfahnen obendrüber, Fördertürme, goldflüssiger Stahl. Kohlenstaubgesichter, Flaschenbier, Halden, Helmut Rahn. Rahn, Bergmannssohn aus Essen, „aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt – Tor! Tor! Tor! Tor! Tor für Deutschland.“ Die Bilder stimmen längst nicht mehr. Rahn schoss 1954.

Mehr als 470.000 Menschen waren Mitte der 50er Jahre in der Kohleförderung beschäftigt, in der Stahlindustrie waren es noch einmal so viele. Ruhrkohle hatte die Industrialisierung des Deutschen Reichs befeuert und wiederholte das nun beim bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder. Eisen und Stahl waren seine Säulen. Es herrschte Vollbeschäftigung.

Der Kapitalismus frisst seine Kinder

Dann, das Jahrzehnt und das Wunder waren noch nicht vorbei, begann der Niedergang. Der Kapitalismus fing an, ausgerechnet diejenigen zu fressen, die ihn überhaupt erst groß und stark gemacht hatten. Importierte Kohle war billiger geworden als die aus dem Ruhrgebiet, die ersten Zechen schlossen. Das letzte verbliebene Bergwerk, Prosper-Haniel in Bottrop, wird am Ende dieses Jahres den Betrieb einstellen.

In der Zwischenzeit setzte etwas ein, wofür ein anderer unpräziser Begriff gefunden wurde. Der Strukturwandel. Kohle und Stahl – zur dauerhaften Kohlekrise gesellten sich ab 1973 mehrmals wiederkehrende Stahlkrisen – mussten ersetzt werden, abgelöst in ihrer Rolle als Broterwerb und Identitätsstifter. Befördert wurde das durch Bildung, Kultur und Geld.

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Dortmund bekam in den 60er Jahren eine Massenuniversität. Bochum auch. Peter Zadek wurde in den 70ern Intendant am Schauspielhaus dort, Claus Peymann folgte ihm nach. In Oberhausen steht auf einem einstigen Eisenhüttengelände heute eine der größten Ladenzeilen Europas. Der FC Schalke 04 bekam ein Stadion, über dem man das Dach aufmachen kann. Essen wurde Europas Kulturhauptstadt, die dortige Zeche Zollverein Industriedenkmal und Unesco-Welterbe. Eine Zeit lang konnte man dort Riesenrad fahren, es gibt Ausstellungsräume, Restaurants und Kunstwerkstätten. Nach dem Kölner Dom ist sie Nordrhein-Westfalens größte Touristenattraktion.

Mittlerweile stellen noch 27 Prozent der Erwerbstätigen im Ruhrgebiet etwas her. 73 Prozent sind Dienstleister. Firmenansiedlungen gab es so zahlreich, dass staatliche Wirtschaftsförderer vor sieben Jahren behaupteten, dem Ruhrgebiet gingen die Gewerbeflächen aus.

Die Arbeitslosigkeit ist höher als in Ostdeutschland

Die offizielle Arbeitslosenquote liegt dennoch bei 9,1 Prozent. Das sind zweieinhalb Prozentpunkte mehr als in Ostdeutschland. Mülheim an der Ruhr hat Oberhausen im vergangenen Jahr als diejenige NRW-Großstadt mit der größten Pro-Kopf-Verschuldung abgelöst. Dortmund, das SPD-Bundestagsfraktionschef Herbert Wehner 1966 die „Herzkammer der Sozialdemokratie“ nannte, ist zum Biotop für rechtsradikale Gewalttäter geworden. Im Einwandererviertel Nordstadt gibt es rechtsfreie Räume, die CDU sprach 2016 von „No-Go-Areas“. Im Jahr darauf wurde sie an die Landesregierung gewählt.

Traumwahlergebnisse – die SPD konnte sich in Ruhrgebietsstädten jahrzehntelang auf Zustimmung jenseits der 50-Prozent-Marke verlassen – erzielt hier nun die AfD. Bei der zurückliegenden Bundestagswahl kam sie in Gelsenkirchen auf 17 Prozent. Ein Landstrich verlor erst die Arbeiter, dann die Arbeit, dann verlor die SPD.

Ein bisschen Undank mag dabei eine Rolle gespielt haben. Unter einer sozialdemokratischen Bundesregierung wurde 1974 der Kohlepfennig eingeführt, ein von jedem Stromkunden in der Bundesrepublik zu zahlender Preisaufschlag, der den Bergbau finanzierte. Auch Steuergeld floss reichlich. Um die Jahrtausendwende, wieder regierte im Bund die SPD, kostete jeder Bergbauarbeitsplatz die Steuerzahler 80.000 Euro pro Jahr.

Ein mehr als halbjahrhundertlanger, manchmal rabiater, oft aber abgefederter Wandel und sein Andauern bis heute – all das mag erklären, warum die alten, rußschwarzen Zeiten in den Köpfen konserviert bleiben. Sie sind das Einzige, was einmal sicher schien. Torsten Hampel

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