Krise der Mullahs mit den USA : Europas Traum vom iranischen Gas ist geplatzt

Lange hoffte die EU auf den Iran als Gas-Lieferanten. Das Land verfügt über die zweitgrößten Reserven der Welt. Doch die bleiben auf lange Sicht verschlossen.

Christian Schaudwet
Ein Arbeiter läuft durch das Gasfeld nahe der iranischen Stadt Kangan.
Ein Arbeiter läuft durch das Gasfeld nahe der iranischen Stadt Kangan.Archivfoto: Abedin Taherkenareh/dpa

Irans Gasreichtum weckt seit langem Begehrlichkeiten der EU, die ihre Abhängigkeit von russischen Lieferungen verringern will. Vor zehn Jahren versuchte Europa, dem potenziellen Gasriesen Iran mit dem Pipeline-Projekt "Nabucco" näherzukommen. 30 Millionen Kubikmeter Gas pro Jahr wollten die Energiekonzerne RWE und OMV (Österreich) gemeinsam mit Botas (Türkei) zunächst aus dem aserbaidschanischen Teil des Kaspischen Meeres nach Europa leiten.

Atomabkommen mit dem Iran machte große Hoffnungen

Später sollte auch Gas aus dem Iran eingespeist werden. Das Land mit den zweitgrößten Reserven der Welt war wegen seines Atomprogramms politisch isoliert, aber die Europäer hofften auf günstigere Rahmenbedingungen. Iranischen Medienberichten zufolge fanden damals bereits informelle Beteiligungsgespräche zwischen der staatlichen Gasexportgesellschaft und europäischen Unternehmen statt.

"Nabucco" wurde zwar nie gebaut, aber die Idee, iranisches Gas nach Europa zu bringen, lebte weiter und wallte 2015 neu auf: Mit dem Abschluss des internationalen Atomabkommens zwischen Iran, den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats und Deutschland begann eine Phase des politischen Tauwetters. Europäische Politiker – viele aus Deutschland – suchten die Nähe der iranischen Führung. Ausländische Wirtschaftsdelegationen bestürmten die Ministerien in Teheran.

Doch jetzt verstellt die kriegerische Eskalation mit den USA europäisch-iranischen Gasprojekten langfristig, vielleicht sogar endgültig den Weg. "Für einen iranischen Gasexport nach Europa durch Pipelines oder in Form von LNG gilt: Die US-Sanktionen müssten aufgehoben werden, sonst ist da wenig zu machen", sagte der Politikwissenschaftler und Iran-Experte Ali Fathollah-Nejad im Gespräch mit "Tagesspiegel Background Energie & Klima". Er forscht im Thinktank Brookings-Institution in Doha. Für einen Wegfall der Sanktionen und Gasexporte, sagte er, gebe es auf absehbare Zeit wenig Chancen. "Der mögliche Abnehmer Europa hat die Idee, iranisches Gas zu importieren, deswegen erst einmal auf Eis gelegt.“ 

Wirtschaftssanktionen gegen Teheran hatten die USA bereits lange vor ihrem Angriff auf den iranischen General Kassem Soleimani und vor den iranischen Vergeltungsattacken auf Militärbasen mit US-Soldaten im Irak verhängt. Die Sanktionen bedrohten auch Unternehmen aus Drittstaaten, die mit dem Iran Geschäfte machen wollten. Die meisten Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen in Europa brachen ihre nach 2015 begonnenen Vorhaben deshalb ab. Am Mittwoch kündigte US-Präsident Donald Trump weitere wirtschaftliche Strafmaßnahmen an.

Ohne Hilfe kann der Iran seine Vorkommen nur langsam erschließen

Der französische Konzern Total etwa, der in iranischen Gewässern rund eine Milliarde US-Dollar in das weltgrößte Gasfeld South Pars investieren wollte, zog sich im August 2018 zurück. Im Oktober 2018 gab Ölminister Bijan Zangeneh bekannt, dass auch die China National Petroleum Corporation (CNPC) aussteigen werde und dass das iranische Unternehmen Petropars das Erschließungsprojekt allein weiterführen werde. Auch ein iranisch-norwegisches Projekt zur Verflüssigung von Erdgas war abgebrochen worden.

Doch ohne die technische Hilfe und das Geld ausländischer Unternehmen kann Iran seine Gas- und Ölvorkommen nur langsam und in geringerem Umfang erschließen. Dabei muss das Land schon deshalb mehr Gas fördern, weil der Bedarf seiner Kraftwerke und Haushalte stark steigt.

Größeres Mengen exportiert der Iran derzeit nur an seine Nachbarn Türkei und Irak – an letzteren unter widerwilliger Duldung der USA, die wissen, dass der Irak seinen Gas- und Strombedarf nicht allein decken kann. Teherans Interesse an diesem Abnehmer ist nicht nur kommerzieller Art: "Der Gasexport nach Irak ist eines der Mittel der iranischen Führung, ihren Einfluss auf den Irak zu sichern", sagte Brookings-Wissenschaftler Fathollah-Nejad.

Russland spielt ein doppeltes Spiel mit dem Iran

Auf Unterstützung Russlands für eine Aufhebung der US-Sanktionen kann die Führung in Teheran nicht zählen. Obwohl Russland sich als politischer Verbündeter gibt, hat es im UN-Sicherheit gegen den Iran gestimmt. Wenn es ums Gas geht, hört die Freundschaft auf: "Russland will keinen starken Gasexporteur Iran", sagte Fathollah-Nejad. Moskau wolle verhindern, dass ein neuer Konkurrent auf dem Weltmarkt entstehe und habe Interesse daran, dass der iranisch-amerikanische Konflikt weiter bestehe. "Außerdem will Russland absolut nicht, dass ein europäisch-iranisches Gasprojekt zustande kommt."

Der Iran versuchte in der Vergangenheit auch, sich Indien und Pakistan als Absatzmärkte zu erschließen. Doch das als Iran-Pakistan-India-Pipeline (IPI) oder "Peace Pipeline" bekannte Projekt ist ins Stocken geraten, insbesondere wegen der Spannungen zwischen Indien und Pakistan, wegen saudi-arabischen Drucks auf dessen Verbündeten Pakistan und wegen der US-Sanktionen. "Das IPI-Projekt zwischen Iran, Pakistan und Indien liegt im Koma", sagte Fathollah-Nejad. Dem Vorhaben droht also das gleiche Schicksal wie dem Nabucco-Pipeline-Projekt der Europäer.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!