Asthma und Covid-19 : Allergiker müssen keine Angst vor dem Coronavirus haben

Die Birkenpollen fliegen und können auch Asthma auslösen. Das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung erhöht sich dadurch aber nicht.

Pollenflug kann bei allergischen Asthmatikern die Lunge belasten. Kommen dann noch Coronaviren hinzu, befürchten viele Patienten Komplikationen - unbegründeterweise, wenn das Asthma korrekt behandelt wird.
Pollenflug kann bei allergischen Asthmatikern die Lunge belasten. Kommen dann noch Coronaviren hinzu, befürchten viele Patienten...Foto: Arno Burgi/dpa

Heuschnupfen ist keine Bagatelle, insbesondere nicht in Zeiten der Covid-19-Pandemie: Beide Erkrankungen belasten die Atemwege. 15 Millionen Deutsche leiden unter dem Blütenstaub, bis zu einem Viertel von ihnen reagieren empfindlich auf Birkenpollen, die in diesen Tagen in fast ganz Deutschland den Höchstwert im „Pollen-Gefahrenindex“ des Deutschen Wetterdienstes erreichen.

Das merken die Betroffenen jetzt deutlich: juckende, gerötete Augen, eine triefende Nase und heftige Niesattacken, ein nervtötender Juckreiz im Ohr und eine kribbelnde Rachenschleimhaut. Und wer Pech hatte, bei dem hat der Heuschnupfen einen „Etagenwechsel“ vollzogen, ist in die Lunge gewandert, wo er sich als fiependes Geräusch beim Ausatmen bemerkbar macht, als trockener Husten oder gesteigert als akuter Asthmaanfall mit Atemnot.

Allergiker haben das "bessere Immunsystem"

Verantwortlich für all diese Beschwerden ist ein überreiztes Immunsystem, das auf die ungefährlichen Pflanzenpollen gleich mit dem vollen Arsenal der Immunabwehr antwortet. Dabei reagieren dessen Antikörper auf Eiweißmoleküle auf der Pollenoberfläche.

[Verfolgen Sie in unseren Liveblogs die aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus in Berlin und zum Coronavirus weltweit.]

„Eigentlich sind diese Symptome ein Zeichen dafür, dass Allergiker das bessere Immunsystem haben, das ‚versehentlich‘ auch ungefährliche Stoffe, wie Pollen oder Milbenbestandteile im Hausstaub bekämpft“, sagt Torsten Zuberbier, Leiter der Europäischen Stiftung für Allergieforschung und Allergologe an der Charité.

Allergiker kämen mit vielen Infektionskrankheiten besser klar. Ob das auch für Coronaviren gelte, wisse man zwar noch nicht. Aber schon jetzt sei klar, dass Allergiker nicht häufiger von einer Covid-19-Erkrankung betroffen sind.
Das gelte auch, wenn es bereits einen Etagenwechsel gegeben hat und ein allergisches Asthma zu den Symptomen hinzugekommen ist. „Für die Betroffenen besteht auch dann kein größeres Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf“, sagt Zuberbier. „Allerdings nur, wenn die Patienten das Asthma wie vom Arzt vorgeschrieben ordnungsgemäß behandeln.“

Kortison schwächt das Immunsystem nicht gegen die Viren

Und der Experte hat gleich noch eine gute Nachricht: Die Medikamente, die Allergiker jetzt zur Linderung der Beschwerden verwenden, schmälern nicht die Immunantwort auf einen Angriff von Coronaviren, machen also nicht anfälliger für eine Infektion.


„Moderne Antihistaminika, wie Ceterizin, Loratadin oder Fexofenadin, schränken die Immunantwort nicht ein.“ Das gilt ebenso für Allergiemedikamente, die Kortison enthalten, wie Sprays für die Nase oder inhalierbare Pulver für die Lunge. „Kortison reduziert unter anderem die Funktion der weißen Blutkörperchen, wirkt somit entzündungshemmend“, sagt Norbert Suttorp, Direktor der Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie der Charité.

Es dimme aber nicht etwa das Immunsystem allgemein, sondern reguliere die immunologische Überreaktion bei einer Allergie auf ein Normalmaß. „Diese Medikamente sind in der Wirksamkeit meilenweit entfernt von Arzneimitteln, die man Patienten zur Unterdrückung ihres Immunsystems gibt, um zum Beispiel bei Organtransplantierten eine Abstoßungsreaktion zu vermeiden.“

Hintergründe zum Coronavirus

Es gab in jüngster Zeit von einigen Virologen die Vermutung, dass kortisonhaltige Lungensprays der Immunabwehr gegen das Coronavirus in die Quere kommen könnten. Suttorp hält dies für eine „rein theoretische Überlegung“. Zwar sei das Risiko, dann eine Lungenentzündung zu bekommen, leicht erhöht. Aber dies sei verschwindend gering: „Wenn von 10.000 Asthmatikern einer eine Lungenentzündung erleidet, dann sind das nach Einnahme der kortisonhaltigen Inhalate vielleicht zwei“, sagt Suttorp.

Wenn man den Nutzen und die Risiken abwäge, gilt: „Werden die von der Allergie und allergischem Asthma malträtierten Atemwegemit inhalierbarem Kortison therapiert, ist das der beste Schutz gegen das Coronavirus.“ Patienten sollten die Asthmamittel jetzt also keinesfalls absetzen, sagt Suttorp.

Vorsicht bei schwer vorgeschädigten Lungen

Problematisch wird es aber, wenn die Lunge durch ein schweres Asthma bereits dauerhaft vorgeschädigt ist. „Diese Patienten tragen möglicherweise ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19, ebenso wie Menschen, die unter einer COPD leiden, also einer chronischen Lungenerkrankung, die meist durch das Rauchen verursacht wird“, sagt der Allergologe Zuberbier.


Bei schwerem Asthma hat sich das Lungengewebe bereits verändert. Die Beschwerden treten nicht nur saisonal bei der entsprechenden Belastung mit Allergenen, wie den Pollen, auf, sondern schränken die Lungenfunktion auf Dauer ein. „Diese Betroffenen müssen oft Kortisontabletten schlucken, die im Gegensatz zu den Sprays in die Blutbahn übergehen und deshalb systemisch auf den gesamten Organismus wirken.“

Die Symptome lassen sich mit Medikamenten nicht mehr vollständig ausgleichen. Oft sind die Patienten dann auch auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen. Deshalb sollten Menschen, die unter allergischem Asthma leiden, die vom Arzt verschriebenen Medikamente – auch die kortisonhaltigen – auf jeden Fall weiter nehmen, um eine dauerhafte Schädigung der Lunge zu verhindern.

Masken sollten Allergiker allein schon wegen der Pollen tragen

Zuberbier rät zudem dazu, eine Behandlung zur Hyposensibilisierung auf jeden Fall fortzusetzen. „Diese Therapie ist darauf ausgerichtet, den Organismus langsam an ein Allergen zu gewöhnen, beeinflusst also ebenfalls nicht das gesamte Immunsystem.“


Dass man dazu in regelmäßigen Abständen eine Arztpraxis aufsuchen muss, um sich die dafür nötige Spritze geben zu lassen, hält Zuberbier nicht für problematisch, auch nicht derzeit, wo sich in manchen Arztpraxen Patienten mit dem Verdacht einer Infektion mit dem Coronavirus aufhalten. „Es gibt ganz klare Hygienevorgaben für die Praxen. Man kann sich zum Beispiel für die Hyposensibilisierung einen Termin außerhalb der normalen Sprechstundenzeit geben lassen oder diese in einem räumlich abgetrennten Bereich vornehmen.“ Und schließlich tragen Ärzte und Praxispersonal Mund- und Nasenschutzmasken bei den Injektionen.

„Es ist übrigens auch für die Allergiker ratsam, solche Masken mit hohem Schutzfaktor zu tragen,“ sagt Zuberbier. „Nicht nur wegen der Coronaviren, sondern auch, um die Pollen und Stäube von ihren Atemwegen fernzuhalten.“
Was kann man noch tun, um den Pollen gar nicht erst in die Quere zu kommen und so die medikamentöse Therapie zu unterstützen? „Nasenduschen mit einer Kochsalzlösung sind für Allergiker immer ein guter Rat, weil das die Schleimhäute stärkt und reinigt“, sagt Zuberbier.

Zudem sollte man in der Saison möglichst nicht bei geöffnetem Fenster schlafen. Und wenn doch, dann um vier Uhr früh schließen, zumindest auf dem Land. Denn dort ist die Pollenbelastung am Morgen am höchsten und Abends am niedrigsten. In der Stadt ist es umgekehrt. Dann sollte man am besten morgens zwischen sechs und acht Uhr lüften, raten Experten.
Die sonst immer gern gegebene Empfehlung, in der Pollensaison Urlaub in pollenfreien Gebieten zu machen, wie dem Hochgebirge oder den Nordseeinseln, fallen in Coronazeiten erst einmal aus. Aber Spazierengehen, das ist noch möglich. Danach sollte man aber gleich Haare waschen, um die Pollen herauszuspülen. Dann ist Heuschnupfen zwar immer noch keine Bagatelle, aber mit den Medikamenten und den Regeln kann man gut damit leben.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: