Coronavirus in den Schulen : Kinder könnten als stiller Covid-19-Überträger fungieren

Kinder erkranken seltener als Erwachsene, können aber das Coronavirus verbreiten, ohne sich krank zu fühlen. Müssen Kitas und Schulen geschlossen werden?

Ein leeres Klassenzimmer in einer Schule.
Ein leeres Klassenzimmer in einer Schule.Foto: Fabian Sommer/dpa

Kinder können von Sars-CoV-2 infiziert werden, sie können auch erkranken, sogar schwer. Das zeigen die bisher vorhandenen Zahlen aus China und auch aus Südkorea. Allerdings erkranken sie sehr viel seltener als Erwachsene. Über 44.000 Fälle wurden der chinesischen Seuchenschutzbehörde CCDC gemeldet. Darunter waren nur 416 Kinder im Alter bis neun Jahre, also ein Prozent. Todesfälle wurden in dieser Altersgruppe nicht registriert.

Nur 549 Jugendliche im Alter bis 19 Jahre waren betroffen, das sind 1,2 Prozent. In dieser Altersgruppe starb ein Patient, wohingegen rund 20 Prozent der etwa 1400 Erkrankten starb, die über 80 Jahre alt waren.

Hintergrund über das Coronavirus:

Aber obwohl – oder gerade weil – Kinder kaum erkranken, könnten sie als stiller Überträger des Virus fungieren. Forschungen deuten darauf hin, dass Personen schon für ein, zwei Tage große Mengen des Virus im oberen Rachenraum haben und verbreiten können, bevor sie sich selbst krank fühlen.

Ob das auch bei Personen der Fall ist, die kaum oder gar nicht erkranken, ist unbekannt, ganz zu schweigen von Kindern. Der Epidemiologe Marc Lipsitch von der Harvard University hält daher die Frage, welche Rolle Kinder für die Verbreitung der Krankheit spielen für „eine der wichtigsten unbeantworteten Fragen“.

[Verfolgen Sie die Ereignisse zum Coronavirus in Berlin in einem eigenen Liveblog]
Interessant sei, dass außerhalb der am stärksten betroffenen Region Hubei die Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen geringer sei, dort wurden mehr Kinder als Covid-19-erkrankt registriert. Das liege daran, dass es einfacher ist, weniger schwer Erkrankte zu identifizieren, wenn das Gesundheitssystem nicht völlig überlastet ist und Ärzte sich nur noch um die schwer Erkrankten kümmern können.

„Aber wir wissen nicht, ob die Kinder infiziert sind und nicht so krank werden oder ob es sehr viele Kinder gibt, die nicht infiziert werden, obwohl sie den Viren ausgesetzt waren.“

Gibt es in Berlin Pläne für die Schließung von Schulen und Kitas?

Großmütter, die mit ihren Enkelkindern durch Parks und Eisdielen schlendern, weil Schulen und Kitas geschlossen sind: Dieser Anblick, der in Italien inzwischen zum Alltag gehört, wird in Berlin noch nicht so bald erwartet. Im Gegenteil: „Eltern hoffen, dass es gar nicht erst so weit kommt“, berichtet Berlins Landeselternsprecher Norman Heise.

Groß sei die Befürchtung, dass die Kinder in ihrer schulischen Laufbahn zurückgeworfen oder zumindest behindert werden, wenn jetzt die Schulen schließen – kurz vor den zentralen Prüfungen zum Abitur, aber auch zu den wichtigen Klassenarbeiten, die über die Chancen beim Übergang zu den weiterführenden Schulen entscheiden.

Rund 500 der 750 öffentlichen Schulen haben sich nach Informationen des Tagesspiegels auf den Weg zum virtuellen Klassenzimmer gemacht: Mithilfe der Plattform „Lernraum Berlin“ tauschen sie Materialien untereinander aus.

Wie sinnvoll sind Schulschließungen?

Eine Studie, die Schul- und Kindergartenschließungen in Hongkong während der 2009er Schweingrippe untersuchte, kam zu dem Schluss, dass die Übertragung der Influenzaviren um etwa 25 Prozent reduziert wurde.

Eine Studie im russischen Tomsk wies nach, dass sich die Zahl der Kontakte der Schüler zu anderen Menschen um etwa die Hälfte reduziert und die Übertragung der Viren um etwa 33 Prozent. Es wird aber darauf hingewiesen, dass es „unmöglich“ vorherzusagen sei, wie sich Schulschließungen in anderen Kulturen und Gesellschaften auswirken würden.

Eine Untersuchung der „Spanischen Grippe“, der 1918 etwa 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen, ergab, dass zumindest in den USA dort weniger Menschen starben, wo Schulschließungen früh angeordnet und lange aufrechterhalten wurden.

Der Harvard-Epidemiologe Lipsitch meint, dass Schulschließungen entweder „sehr wirksam oder total unwirksam“ sein können. Es sei eine Maßnahme, die mit hohen Kosten verbunden und „disruptiv“ sei.

Mit rund 21 Milliarden US-Dollar volkswirtschaftlichem Schaden schlug etwa die achtwöchige Schließung von Schulen in Pennsylvania während der Schweingrippe-Epidemie zu Buche.

Wie lange können Eltern zur Betreuung ihrer Kinder zu Hause bleiben?

Fehlende Kinderbetreuung entbindet in aller Regel nicht von der Arbeitspflicht. Die gute Nachricht: Viele Arbeitgeber lassen mit sich reden. So könnten Eltern Überstunden abbauen, Urlaub nehmen oder anbieten, im Homeoffice zu arbeiten.

Ist das Kind krank, sieht die Sache anders aus: Bei kleinen Kinder unter zwölf Jahren kann jedes Elternteil pro Kalenderjahr und Kind bis zu zehn Tage zu Hause bleiben, Alleinerziehende bis zu 20 – aber nicht am Stück: Nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts gelten pro Krankheitsfall fünf Arbeitstage als angemessen.

Wie sinnvoll sind Verkehrsbeschränkungen, wie sie jetzt in Italien angeordnet wurden?

Das Unterbrechen von Reisebewegungen zwischen Ländern halten Experten für wenig wirksam. RKI-Chef Wieler sagte wiederholt, die Erfahrung zeige, dass Menschen trotzdem ihren Weg fänden.

Die Grenzen komplett zu schließen, würde sogar ein trügerisches Gefühl von Sicherheit produzieren, meint die Ärztin Margaret Harris, die für die WHO in die Eindämmung der Covid-19-Epidemie involviert ist: „Man verschleudert eine Menge Ressourcen auf die Grenzschließung, statt sich etwa auf den Schutz des medizinischen Personals zu fokussieren, die Gesundheitssysteme vorzubereiten und die Überwachung der Virusausbreitung zu verbessern.“

Man signalisiere den Menschen so, dass sie selbst das Problem seien – das führe zu Misstrauen und habe gegenteilige Effekte auf die Eindämmung von Epidemien.

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