Grünen-Politikerin Claudia Roth : "Feiern ja, Nationalismus nein!"

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth spricht im Interview über Fußball, Patriotismus und die WM in Russland. "Jubeln mit Putin - das geht gar nicht", sagt die Grüne.

Claudia Roth (Grüne) ist Fußballfan.
Claudia Roth (Grüne) ist Fußballfan.Foto: imago/Eibner

Frau Roth, lassen Sie uns über Fußball und Patriotismus sprechen. Haben Sie sich schon mal eine Deutschland-Fahne auf die Wange geschminkt?

Noch nie, das ist nicht so mein Ding. Aber ich habe bei der Weltmeisterschaft 2006 zum ersten Mal meinen Balkon beflaggt.

Claudia Roth flaggt Schwarz-Rot-Gold?

Nein, ich habe eine schöne Regenbogenfahne. Das ändert aber nichts daran, dass ich ein großer Fan des deutschen Fußballs bin.

Es gab ja Zeiten, in denen es unter linksalternativen Menschen regelrecht verpönt war, der deutschen Nationalmannschaft zuzujubeln ...

Natürlich darf man sich freuen, wenn die deutsche Mannschaft gut spielt und gewinnt. Und ich will auch niemandem verbieten, ein Fähnchen aufzuhängen. Ich finde aber, dass es uns Deutschen gut zu Gesicht steht, wenn wir Zurückhaltung walten lassen mit der nationalen Selbstbeweihräucherung.

Was spricht denn dagegen, dass sich die Deutschen ein paar Wochen lang selbst feiern?

Habe ich gesagt, wir sollten nicht feiern? Von meinen Eltern habe ich nur gelernt, dass es keine Gnade der späten Geburt gibt. Über Jahrzehnte haben wir in einem breiten demokratischen Konsens geschafft, uns der deutschen Geschichte zu stellen. Das hat uns stark gemacht und uns im Ausland hohe Anerkennung verschafft. Nun gibt es mit der AfD eine Partei, die einen Schlussstrich ziehen will. Eine Partei, die auch die deutsche Fahne instrumentalisiert, um Ausgrenzung gegenüber Menschen zu signalisieren, die in ihren Augen nicht dazugehören. Das lässt sich nicht einfach so ausblenden, das sollten wir im Blick haben. Deshalb: Feiern ja, Nationalismus nein.

Die WM bringt hierzulande Menschen zusammen, die sonst wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Vielleicht finden sie es ja ganz schön, sich für die Zeit des Turniers als Gemeinschaft, womöglich sogar als Angehörige einer Nation zu erleben.

Richtig ist: Beim Fußball ist es egal, welche soziale Herkunft du hast oder welche Hautfarbe. Fußball ist auch deshalb so attraktiv, weil er Identifikation bietet und man Emotionen ausleben kann. Gemeinsam.

Was für ein Deutschland verkörpert die Nationalmannschaft für Sie?

Die Nationalmannschaft ist Spiegelbild unserer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. So ist inzwischen auch Deutschland: bunt und vielfältig, mehr Regenbogen, mit Namen wie Kroos und Werner, aber eben auch Khedira und Boateng.

Erwarten Sie von der Mannschaft, dass sie für die Werte der Bundesrepublik einsteht?

Natürlich, wie von allen anderen auch. Das heißt nicht, dass sich jeder Spieler täglich politisch äußern muss, aber wer es will, soll es dürfen. Und, bevor Sie nachfragen: So ähnlich halte ich es auch mit dieser leidigen Debatte über die Nationalhymne: Wer singen will, soll singen. Wer sich vorm Spiel still konzentrieren will, soll sich konzentrieren. Man kann auch ein guter Nationalspieler sein, ohne die Hymne zu singen und die Hand aufs Herz zu halten. Umso mehr in Zeiten, da manche die Nationalhymne wieder in drei Strophen singen.

Sollte das Team von Jogi Löw die Menschenrechtsverletzungen in Russland ansprechen?

Jogi Löw und seine Mannschaft sind nicht dafür verantwortlich, dass die WM in Russland stattfindet. Diese skandalöse Entscheidung hat die Fifa getroffen, die ihre Vergabekriterien dringend überarbeiten muss. Der Fußball darf nationalistischen Autokraten keine Bühne geben.

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Sie selbst wollen nicht zur WM fahren. Was bringt das?

Als Fußball-Fan habe ich es immer genossen, im Stadion zu sein. Aber ich will mich nicht für eine Inszenierung des russischen Präsidenten einspannen lassen. Dass der ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt nicht nach Russland fahren kann, weil seine Sicherheit bedroht wäre, ist ein Skandal, den die Bundesregierung schonungslos zur Sprache bringen muss.

Wäre es besser, wenn alle deutschen Politiker dem Turnier fernblieben?

Jede und jeder muss das selbst entscheiden. Als Bundestagsvizepräsidentin erwarte ich aber von den Abgeordneten des Deutschen Bundestages eine klare Haltung: Wenn sie sich vor Ort ein Spiel anschauen, sollten sie auch unsere Werte offensiv vertreten.

Wie?

Indem sie sich nicht als Kulisse für die Inszenierung der russischen Regierung zur Verfügung stellen, die Menschenrechte massiv verletzt, sondern sich mit Oppositionellen treffen, mit Organisationen von Schwulen, Lesben und Transsexuellen, mit Journalistinnen und Journalisten.

Und die Kanzlerin?

Die Kanzlerin sollte sich gut überlegen, welche Bilder sie produzieren will. Jubeln mit Putin – das geht gar nicht. Wir müssen in Russland für Demokratie und Menschenrechte eintreten. Das erwarte ich von der Regierung und das wünsche ich mir ein Stück weit auch von unserer Mannschaft.

Haben die Nationalspieler Gündogan und Özil gegen diese Werte verstoßen, als sie kürzlich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan für ein Foto posierten?

Es war falsch, dass Gündogan und Özil sich auf ein Treffen mit Erdogan eingelassen und sich haben einspannen lassen für den Wahlkampf eines Autokraten. Aber jetzt muss auch mal genug sein. Die Kritik an den beiden hat inzwischen jedes Maß verloren. Sie ist auch wohlfeil, wenn sie beispielsweise von Kolleginnen und Kollegen kommt, die auf der anderen Seite millionenschwere Waffendeals mit Erdogan gutheißen. Übrigens war auch Frau Merkel bereit, kurz vor der letzten Wahl in der Türkei unverhohlen Wahlkampf für Erdogan zu machen. Die Opposition hat sie damals nicht getroffen.

Wie erklären Sie sich die Härte der Kritik an Özil und Gündogan?

Da kommen auch tief verwurzelte antitürkische Ressentiments zum Vorschein. Lukas Podolski hat sich einen vergleichbaren Fauxpas erlaubt, hat sich wie Gündogan erklärt und alles war wieder gut. Julian Draxler hat nach dem Confed-Cup eine Lobeshymne auf Russland veröffentlicht, die Präsident Putin nicht besser hätte schreiben können. Kritik habe ich kaum gehört. Aber bei Özil und Gündogan? Wochenlange Kampagne. Die AfD versucht derweil, diese Stimmung noch zu schüren, indem sie eine biodeutsche Nationalmannschaft fordert. Die weigern sich einfach, anzuerkennen, dass Özil, Gündogan und Boateng auch Deutsche sind. Und gute Nachbarn.

Glauben Sie, dass es vielen Deutschtürken so geht wie Gündogan und Özil? Dass sie hin- und hergerissen sind zwischen ihrer deutschen und ihrer türkischen Heimat – und damit auch zwischen zwei Wertesystemen?

Das mag sein. Die deutsche Einwanderungsgesellschaft muss anerkennen, dass Menschen in einer globalisierten Welt mehr als eine Heimat haben können. Erfolgreiche Integration setzt voraus, dass wir von niemandem erwarten, einen Teil seiner Biografie, seiner Identität oder Familiengeschichte zu verleugnen. Deshalb wäre es übrigens wichtig, mehr Menschen die Chance auf einen Doppelpass zu geben.

Erdogan hat viele Anhänger unter den 1,4Millionen türkischen Wahlberechtigten in Deutschland. Sind sie in unserer liberalen Demokratie nicht heimisch geworden?

Es gibt unterschiedliche Erklärungen dafür, warum Erdogan und seine AKP hier einen höheren Anteil von Stimmen bekommen als in der Türkei selbst. Manche sagen, dass Menschen in der Diaspora deutlich konservativer sind als im Inland, nicht selten auch einen romantisierten Blick auf das Land der Eltern aufrechterhalten. Für viele ist Erdogan außerdem zur Identifikationsfigur geworden, weil er es aus den Armenvierteln Istanbuls zum Präsidenten geschafft hat. Und natürlich schürt er erfolgreich antiwestliche und antideutsche Gefühle, nach dem Motto: Die wollen euch nicht, aber ich beschütze euch.

Sie besitzen ein Haus in der Türkei, haben das Land einmal als ihre zweite Heimat bezeichnet. Fühlen Sie sich auch in Erdogans Türkei noch zu Hause?

Ich habe mich als Privatperson natürlich gefragt, ob ich noch in die Türkei reisen soll. Aber ich habe dort seit Jahrzehnten viele Freundinnen und Freunde – darunter sehr viele Künstlerinnen und Journalisten, die ihren Job verloren haben, die im Gefängnis oder im Exil waren. Zu ihnen fahre ich, sie sind für mich Zuhause. Die Türkei ist schließlich nicht nur Erdogan.

Heimat ist, wo Freunde sind?

Ja, auch. Für mich stammt die beste Definition von Heimat aber vom Soziologen Wilhelm Heitmeyer. Er sagt: Heimat ist, wo du dazu gehörst und wo du gebraucht wirst. Egal, wo du herkommst. Ob du Frau oder Mann bist, schwul, lesbisch, transgender oder hetero, Muslim, Jude, Christ oder säkular.

Kann es sein, dass sich gerade unter den AfD-Wählern viele nicht mehr zugehörig fühlen?

Manche Untersuchungen kommen zum Ergebnis, dass vor allem junge Männer das Gefühl haben, nicht dazuzugehören und nicht gebraucht zu werden. Es gibt aber auch andere Menschen, die sich in Deutschland nicht mehr zu Hause fühlen: Juden, die Angst vor Antisemitismus haben, Muslime, die unter einem wachsenden antimuslimischen Rassismus leiden, zunehmend auch wieder Schwule und Lesben und Queers, die sich nicht sicher in diesem Land fühlen. Da sehe ich eine große Gefahr. Deshalb muss es die wichtigste Aufgabe der Politik sein, Zusammenhalt herzustellen statt zu spalten. Unser neuer Heimatminister, der offensichtlich glaubt, sein Haus käme auf Führungsebene auch ohne Frauen aus, vertritt hingegen ein brandgefährliches, ein exklusives, ein ausgrenzendes Heimatbild. Der Satz, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, war der Versuch einer Ausbürgerung.

Horst Seehofer will Grenzen für bestimmte Flüchtlinge gegen den Willen der Kanzlerin schließen. Kann eine solche CSU noch Koalitionspartner der Grünen sein, etwa nach der Landtagswahl in Bayern?

Ich führe jetzt keine Koalitionsdebatten. Ich glaube aber, dass die CSU die falsche Strategie fährt. Indem sie die AfD in Sprache und Inhalt kopiert, stärkt sie nur das Original. Zum Inhalt: Mir liegt das genaue Konzept von Seehofer nicht vor. Nach europäischem Recht aber reicht es nicht aus, die Registrierung von Asylsuchenden in einem anderen Land allenfalls zu vermuten. Auch ein schneller Blick in die Eurodac-Datenbank an der Grenze genügt nicht. Es braucht eine ordentliche Prüfung durch die zuständigen Instanzen. Kollektivausweisungen sind verboten. Ich halte das gesamte Konzept deshalb für grundlegend rechtswidrig.

Die Flüchtlingspolitik hat viele Menschen aufgewühlt und das Land gespalten. Wie lässt sich das heilen?

Die Parteien tragen die große Verantwortung, für mehr Zusammenhalt zu sorgen. Nicht nur, aber auch ökonomisch. Es hat noch keine Rentnerin in Deutschland einen Cent weniger erhalten, weil wir Geflüchtete aufgenommen haben. Aber wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, entsteht natürlich dieser Eindruck – und wird geschürt. Zugleich verstehe ich nicht, warum ausgerechnet die CSU von Anfang an die Stimmung verbreitet hat, dass wir den Zuzug von Geflüchteten nicht bewältigen könnten. Gerade in Bayern war doch die Unterstützung groß, in der Bevölkerung, durch die Kirchen. Natürlich ist Integration keine einfache Aufgabe. Sie braucht Zeit, kostet Geld, fordert Geduld von allen Beteiligten. Die Herausforderung wird aber auch nicht kleiner, indem die Regierung systematisch entmutigt und auf ständige Abschreckung setzt. Wir müssen jetzt endlich mit einer großen Integrationsoffensive vorangehen.

Glauben Sie, ein Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der WM würde die Stimmung im Land ein wenig verbessern?

(Lacht.) Wenn Özil das Spiel gut eröffnet, Khedira das entscheidende Tor schießt, Boateng am Ende des Turniers zum besten Spieler gewählt wird und Neuer und Müller im Gegensatz zur CSU zeigen, dass aus Bayern auch was richtig Gutes kommen kann, dann hilft das bestimmt. Und ich wedle frenetisch mit der Regenbogenflagge, versprochen!

Das Interview führten Cordula Eubel und Stephan Haselberger.

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