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Macron in den USA : Amerika hat einen neuen Lieblingseuropäer

Donald Trump ehrt den französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit einem pompösen Empfang. Die deutsche Kanzlerin fällt hingegen in seiner Gunst zurück.

Der französische Präsident Emmanuel Macron betont gerne die Gemeinsamkeiten mit Donald Trump.
Der französische Präsident Emmanuel Macron betont gerne die Gemeinsamkeiten mit Donald Trump.Foto: REUTERS

Angela Merkel hat sich nie für den Wettlauf interessiert, wer den ersten Besuchstermin bei einem neu gewählten Staatsoberhaupt im Ausland erhält, das ehrenvollste Protokoll oder das schönste Rahmenprogramm. Diese Hahnenkämpfe hat sie ihren männlichen Kollegen überlassen. Im Großen und Ganzen ist sie gut damit gefahren. Substanz und Inhalt zählen am Ende mehr als die Verpackung.

In dieser Woche stößt ihre nüchterne Haltung an Grenzen. Der pompöse Empfang, den Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Washington erhält, sticht heraus: der erste Staatsbesuch überhaupt in Trumps Präsidentschaft, drei Tage voll von symbolträchtigen Bildern, angefangen vom familiären Abendessen am Montag in Mount Vernon, dem Landgut des ersten US-Präsidenten George Washington, über die mehrfachen Zweiertermine mit Trump und das Galadinner im Weißen Haus am Dienstag bis zu Macrons Rede vor dem Kongress am Mittwoch.

Dagegen fällt der Arbeitsbesuch der Kanzlerin am Freitag ab. Bei einem so scharfen Kontrast, das ist wohl unvermeidbar, werden Äußerlichkeiten als Ausdruck von Qualitätsunterschieden interpretiert. Der französische Botschafter in Washington, Gerard Araud, scherzte bei einer Diskussion mit seinem deutschen Kollegen Peter Wittig, er habe „nichts gegen diese Arbeitsteilung einzuwenden: Pomp und Circumstances für die Franzosen, die harte Arbeit für die Deutschen.“

Harte Überzeugungsarbeit bei Trump müssen sowohl Macron als auch Merkel leisten. Sie haben gemeinsame Ziele und haben sich bei Macrons Besuch in Berlin am vergangenen Donnerstag abgesprochen. Sie wollen Trump, erstens, davon abbringen, den Konflikt um Strafzölle im transatlantischen Handel weiter zu treiben; das schade beiden Seiten. Zweitens wollen sie das Atomabkommen mit dem Iran retten; im Wahlkampf hat Trump versprochen, es zu kündigen; damit entfiele jedoch auch die internationale Kontrolle der Waffenprogramme Irans.

Macron hat in seinen drei Tagen in Washington mehr Gelegenheit, auf Trump einzuwirken, als Merkel in ihren wenigen Stunden am Freitag. Auch atmosphärisch ist Macron begünstigt. Offene Konflikte mit Trump hat er vermieden. Er will die bestmögliche persönliche Beziehung zu Trump haben. Er betont das Gemeinsame. Wie Trump sei er als „Außenseiter“ ins Amt gelangt, sagt er im Interview mit Trumps Lieblingssender „Fox“. Beide hätten sich gegen die Kandidaten der Altparteien durchgesetzt und seien revolutionäre Figuren, die das Establishment das Fürchten lehren. Bei grundsätzlicher Sympathie lässt sich leichter über Streitthemen reden. Macron tut das unerschrocken. Trump solle die USA im Klimaschutzabkommen halten, den Freihandel mit Europa stützen und den Atomdeal mit dem Iran nicht beenden.

In den öffentlichen Auftritten betont Trump, wie gut er sich mit Macron verstehe. Das Iran-Abkommen nennt er „schlecht“, es „hätte niemals geschlossen werden dürfen“. Und droht: „Wenn der Iran uns bedroht, dann wird er einen Preis zahlen, den wenige Länder bezahlt haben.“ Macron sagt, der Vertrag sei unbefriedigend, setzt aber hinzu, er sei Teil der Sicherheitsarchitektur, und die USA haben keinen Plan B, wenn er entfällt. Macron setzt auf Nachverhandlungen. Trump deutet an, das könne eine Lösung sein. Er legt sich aber nicht fest.

Zum guten persönlichen Draht der beiden gehört auch: Die USA, Frankreich und Großbritannien gerade mit gemeinsamen Luftangriffen auf den Einsatz des geächteten Giftgases in Syrien reagiert. Deutschland war nicht Teil dieser Allianz. Die meisten Deutschen spüren wohl nicht, wie tief das Zusammengehörigkeitsgefühl der drei westlichen ständigen Mitglieder im Sicherheitsrat der Uno reicht. Ihre Allianz geht auf den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg zurück und hat sich im Zweiten Weltkrieg gefestigt. Darauf weisen Macrons Berater immer wieder hin. Noch weiter zurück reicht die Waffenbruderschaft zwischen Franzosen und Amerikanern. Frankreich war der Geburtshelfer der USA, kämpfte gegen die Briten in Nordamerika, schickte Berater wie den Marquis de Lafayette und Stadtplaner wie Pierre L’Enfant, der Washington entwarf.

Dieses Verständnis spiegelt sich in Macrons Besuchsprogramm. Die beiden Präsidenten begrüßen sich mit Wangenküssen. Dann nehmen die Ehepaare Trump und Macron Schaufeln in die Hand und pflanzen auf der Südwiese vor dem Weißen Haus eine Traubeneiche. Macrons Gastgeschenk stammt aus dem Wald von Belleau; dort fielen 10 000 US-Soldaten 1918 für die Befreiung Frankreichs.

Merkel hat es da schwerer. Trump hat sich Deutschland als Prügelknaben in Europa ausgesucht. Die Deutschen, so wettert er, brechen die Zusage, zwei Prozent der Wirtschaftskraft für Verteidigung auszugeben, benachteiligen andere Staaten durch den hohen Exportüberschuss, schließen Energiedeals mit Putins Russland und bauen eine Gaspipeline, Nord Stream 2, die sich gegen die Interessen von Nato-Partnern richtet. Gewiss zeigt Trump auch Bewunderung für deutsche Effizienz und für das duale Ausbildungssystem. Tief im Herzen aber scheint er eine Abneigung zu hegen, die vielleicht nur tiefenpsychologisch zu erklären ist. Sein Großvater stammt aus Kallstadt in der Pfalz und hieß Drumpf. Trump hat nie Stolz auf seine deutschen Wurzeln gezeigt. Er hat vielmehr betont, er stamme von Schweden oder Schotten ab.

Das ist die Realität im Frühjahr 2018. Amerika hat einen neuen Lieblingseuropäer: Emmanuel Macron. Die Kanzlerin fällt in der Gunst zurück. Aber es war ja auch schon umgekehrt. Vor wenigen Jahren war sie die strategische Partnerin der US-Regierung in Europa, wurde mit der Medal of Freedom ausgezeichnet, hielt eine Rede im Kongress. Damals waren die Franzosen weniger gut gelitten. Nach dem Zerwürfnis über den Irakkrieg, als Paris, Berlin und Moskau 2003 Front gegen George W. Bushs Kriegskurs machten, hatte die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice die Parole ausgegeben: „Frankreich bestrafen, Deutschland ignorieren, Russland vergeben.“

Heute aber gilt: Trumps Amerika hat Frankreich vergeben, möchte Deutschland bestrafen und die Rolle der Russen ignorieren. Für Europa ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn Frankreich einmal mehr Gunst als Deutschland genießt.

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