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Blick auf den Rosenthaler Platz bei Nacht.

© IMAGO/Sabine Gudath

Geschlagen, ins Gesicht getreten: Der Berliner Student Lahav Shapira ist in Mitte von einem Kommilitonen angegriffen worden – offenbar weil er Jude ist und Propalästina-Aktionen an der FU kritisierte.

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Die brutale Attacke am Freitagabend auf einen jüdischen Studenten der Freien Universität Berlin (FU) am Rosenthaler Platz in Mitte hat eine weitaus größere Dimension als bislang bekannt. Er soll von einem muslimischen Kommilitonen schwer verletzt worden sein.

Offenbar wurde der 30-jährige Lahav Shapira von einem 23-jährigen arabischstämmigen FU-Studenten erkannt, wie Angehörige des 30-Jährigen erklärten. Denn Shapira hatte nach dem Massaker der islamistischen Hamas am 7. Oktober in Israel gegen propalästinensische Aktionen an der FU und die Verharmlosung des Terrors protestiert, aber auch an die von den Hamas entführten Israelis erinnert.

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Der Bruder des Opfers, der Comedian Shahak Shapira, teilte beim Twitter-Nachfolger X mit: „Es gab keinerlei politische Debatte. Er wurde vom Angreifer in der Bar erkannt, dieser ist ihm und seiner Begleitung gefolgt, hat sie aggressiv angesprochen und ihm dann unangekündigt ins Gesicht geschlagen.“

Der Schriftsteller und Satiriker, Shahak Shapira.
Der Schriftsteller und Satiriker, Shahak Shapira.

© picture alliance / Gregor Fische/Gregor Fischer

Auch die Mutter des Opfers äußerte sich. Tzipi Lev, die in Sachsen-Anhalt lebt, sagte dem israelischen Nachrichtenportal Ynet: „Am Freitag saß Lahav mit seiner Freundin in einer Bar. Sie hatte das Gefühl, dass sie ständig jemand ansah, und dann sagte Lahav ihr, dass es jemand war, den er von der Universität kannte, und sah, dass er es war.“ 

Weiter berichtete die Mutter: „Als sie die Bar verließen, begann dieselbe Person, ein Araber, auf einmal, Lahav auf sehr harte Weise anzugreifen. Er schrie ihn an: ,Warum posten Sie Bilder von Entführten?‘ Er war voller Hass.“ Shapira hatte Fotos von Menschen verbreitet, die beim Angriff der Hamas auf Israel von den Terroristen in den Gaza-Streifen entführt worden waren.

Auch Lahav Shapira selbst hat sich inzwischen zu dem Angriff geäußert. Wie die „Jüdische Allgemeine“ berichtet, wurde der 30-Jährige im Krankenhaus von einer Journalistin des israelischen Senders „Kanal 12“ interviewt. „Er verpasste mir ganz plötzlich einen Schlag von der Seite. Dann noch einen, und ich verlor meine Balance“, sagte Lahav demnach auf Hebräisch. „Als ich versuchte aufzustehen, trat er mir ins Gesicht. Und dann, als ich schließlich aufstand, rannte er vom Ort des Geschehens weg.“

Familie widerspricht der Berliner Polizei

Die Darstellung der Familie widerspricht der Mitteilung der Polizei zu dem Fall. Die Überschrift lautete: „Streit zwischen Studenten eskaliert“. Es soll um unterschiedliche Einstellungen zum Nahost-Konflikt gegangen sein. Weiter erklärte die Polizei: Es habe „sich zunächst ein Streitgespräch entwickelt. Im Verlaufe des Streits soll der Jüngere den Älteren unvermittelt mehrmals ins Gesicht geschlagen haben, sodass dieser stürzte. Auf den am Boden liegenden Mann soll der Kontrahent dann eingetreten haben.“

Das Opfer habe Frakturen im Gesicht erlitten, hieß es von der Polizei. Nach Angaben der Angehörigen geht es Lahav trotz der schweren Verletzungen den Umständen entsprechend gut. Die Polizei konnte den Angreifer fassen. Der für politisch motivierte Straftaten zuständige Staatsschutz beim Landeskriminalamt hat den Fall übernommen.

Ehssan Khazaeli, der den Beschuldigten verteidigt, teilte auf Anfrage des Tagesspiegels mit, zunächst die Ermittlungen der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) Nahost der Polizei abwarten zu wollen.

Lahav Shapira ist der Enkel von Amitzur Shapira, einem Leichtathletik-Trainer und Mitglied der israelischen Delegation bei den Olympischen Spielen in München, der beim Massaker an israelischen Sportlern durch die Terrororganisation „Schwarzer September“ bei den Sommerspielen 1972 ermordet worden war. Lahavs Großvater mütterlicherseits war der einzige Shoa-Überlebende dieses Familienzweigs.

Über die propalästinensischen Aktionen an der FU und den Protest ihres Sohnes dagegen sagte die Mutter nun: „Lahav wurde von ihnen als Zionist bezeichnet und engagierte sich viel gegen den Antisemitismus, für Israel und für die Freilassung der Entführten.“

„Es nervt“, sagte Lahav Shapira laut „Jüdischer Allgemeine“ im Interview mit dem „Kanal 12“ zu den propalästinensischen Aktionen und der angespannten Atmosphäre an den Hochschulen. „Besonders vor dem Hintergrund, dass wir israelische und jüdische Studenten den Leiter der Universität gebeten haben, sich der Sache anzunehmen.“

Auch die FU hat am Sonntag bei X – allerdings nicht per direktem Post, sondern nur als Antwort auf den Post einer Journalistin – reagiert: „Wir sind tief betroffen. Die Freie Universität Berlin steht für Offenheit und Toleranz und distanziert sich von jeglicher Form von Hetze und Gewalt.“ Der Begriff Antisemitismus taucht im Statement nicht auf. Shahak Shapira kommentierte: „Um die Leute zu zitieren, die seit Monaten die FU in einen unsicheren Ort für Studierende gewisser Herkunft verwandeln: solche Angriffe finden nicht in einem Vakuum statt.“

Am Montag äußerte sich die Universität dann ausführlich zu dem Fall.

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